Theodor Herzl: Feuilletonist, Radfahrer, Staatsgründer

Theodor Herzl, von dem israelischen Künstler Amit Shimoni als Hipster dargestellt. © hipstory.com

Vor 125 Jahren, am 29. August 1897, hielt Theodor Herzl die Eröffnungsrede zum „Ersten Zionistischen Weltkongress“ in Basel. Keine glanzvolle, eher eine pragmatische, aber sehr gelungene Rede. Denn sie hat ihr Ziel punktgenau erreicht: Der Kongress war ein voller Erfolg und das bis dahin bedeutendste Ereignis in der jüdischen Geschichte seit der Eroberung Jerusalems durch die Römer. Diese hatten am 30. August 70 n. Chr.  den jüdischen Tempel vollständig zerstört, worauf sich die Juden in alle Welt verstreuten. Beim Zionistenkongress in Basel wurde fast auf den Tag genau 1827 Jahre später der Grundstein für ihre Rückkehr gelegt – in einen eigenen Nationalstaat, nach Israel.   

Theodor Herzl war fest davon überzeugt, in Basel den jüdischen Staat gegründet zu haben. Legendär ist sein prophetischer Tagebucheintrag, den er wenige Tage nach dem Kongress notiert hatte: „Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig Jahren, wird es jeder einsehen.“ Und tatsächlich: Genau fünfzig Jahre und neun Monate später,  am 14. Mai 1948, trat David Ben-Gurion in Tel Aviv vor die Mikrofone – an der Wand hinter sich ein riesiges Porträt von Theodor Herzl – und verkündete der Welt die Unabhängigkeit Israels. Ein uralter Traum war Wirklichkeit geworden.

Promovierter Jurist, erfolgreicher Journalist

Der Vorträumer, Vordenker und Vorbereiter Israels war 1860 als Sohn liberaler jüdischer Eltern im ungarischen Pest geboren worden. 1878 zog Theodor Herzls Familie nach Wien, wo er Rechtswissenschaft studierte und promovierte. Sprachlich außerordentlich talentiert, schlug Herzl jedoch eine journalistische Laufbahn ein und wurde zu einem der bedeutendsten Feuilletonisten des Fin de Siècle. Er schrieb für die führende Zeitung Wiens, die „Neue Freie Presse“, und arbeitete für sie zeitweise als Korrespondent in Paris. Unter dem Eindruck des grassierenden Antisemitismus engagierte sich Herzl gleichzeitig immer stärker für den Zionismus und veröffentlichte 1896 die Schrift „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ – ein leidenschaftliches Plädoyer für einen eigenständigen jüdischen Staat. „Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates. Die Welt widerhallt vom Geschrei gegen die Juden, und das weckt den eingeschlummerten Gedanken auf,“ schrieb er im Vorwort. 1897 gründete er außerdem die zionistische Wochenzeitung „Die Welt“.

Tel Aviv, 14. Mai 1948: David Ben-Gurion verliest die israelische Unabängigkeitserklärung. Überlebensgroß das Porträt des geistigen Wegbereiters Theodor Herzl. Foto: Government Press Office, Israel (GPO)

Komplizierte Suche nach einem Tagungsort

Theodor Herzls Meisterstück war schließlich die Organisation des „Ersten Zionistischen Weltkongresses“, der vom 28. bis 30. August 1897 in Basel stattfand. Die Schweiz als neutrales Land inmitten Europas schien ihm am besten geeignet, um auf politischer Ebene wahr- und ernstgenommen zu werden. Ursprünglich war Zürich als Tagungsort geplant, wogegen jedoch die zionistischen Mitorganisatoren aus Russland Einwände erhoben, weil sich seinerzeit viele russische Revolutionäre dort aufhielten. Daraufhin kam als nächstes München als Tagungsort ins Spiel, wogegen wiederum die dort ansässige jüdische Gemeinde und der deutsche Rabbinerverband protestierten. Sie befürchteten, dass sich das Eintreten für einen jüdischen Nationalstaat nachteilig für die in Deutschland lebenden Juden auswirken könnte. So fiel die Wahl schließlich wieder auf die Schweiz und diesmal auf Basel. Was sich als Glücksfall erwies. 

Wie ein vorweggenommener Staatsakt

Der damals 37jährige Theodor Herzl hatte das Zusammentreffen von mehr als  200 Männern und Frauen, die das damalige internationale Judentum repräsentierten, minutiös vorbereitet. Es war wie bei einer Theaterpremiere, bei der er alle wesentlichen Funktionen selbst ausgeübt hat: die des Autors, des Regisseurs, des Dramaturgen, des Bühnen- und Kostümbildners und insbesondere die des Hauptdarstellers. Als Tagungsort wählte er den Konzertsaal des Baseler Stadtcasinos, der wie geschaffen war, der Versammlung einen würdigen Rahmen zu verleihen. Er fungierte sozusagen als Parlamentssaal einer imaginären jüdischen Nationalversammlung. Theodor Herzl, der selbst Theaterstücke geschrieben hatte, besaß ein ausgeprägtes Gespür für Inszenierung und achtete auf jedes Detail. Nicht nur die Bühne, sondern auch die Mitwirkenden mussten ein passendes Bild abgeben. So bestand Herzl darauf, dass alle Delegierten zur Eröffnung des Kongresses im Frack erscheinen sollten. Seinen engsten Vertrauten Max Nordau, der zunächst im Sommeranzug auftauchte, schickte er deshalb nochmals ins Hotel zurück. Insgesamt wirkte der Kongress wie ein vorweggenommener Staatsakt. Die Teilnehmer und die Presse waren tief beeindruckt. So etwas hatte es noch nie gegeben. Theodor Herzl war es gelungen, die Idee eines jüdischen Nationalstaates als ernsthaftes Anliegen auf die internationale politische Agenda zu setzen.

Schauplatz des ersten und der folgenden Zionistenkongresse war das Baseler Stadtcasino, das den Versammlungen einen würdigen Rahmen gab. Foto: GPO

Jüdischer Nationalstaat als klares Ziel vor Augen

Dass der Baseler Kongress ein Erfolg wurde, dafür sorgten vor allem die Redebeiträge. Theodor Herzl war zwar durch seine intensiven organisatorischen Tätigkeiten derart eingespannt, dass er kaum Zeit fand, eine großartige Eröffnungsrede vorzubereiten. Dennoch ist es ihm gelungen, den richtigen Ton anzuschlagen. „Als einem der Einberufer dieses Kongresses ist mir die Ehre zugefallen, Sie zu begrüßen. Ich will es mit wenigen Worten tun, denn jeder von uns dient der Sache gut, wenn er mit den kostbaren Minuten des Kongresses sparsam umgeht,“ begann Theodor Herzl am 29. August 1897 seine etwa fünfzehnminütige Rede, und gleich mit dieser Mahnung an die Folgeredner, sich kurz zu fassen, gab er die für den Erfolg des Kongresses ausschlaggebende Richtung vor. Sie war von Ernsthaftigkeit, Besonnenheit, Vernunft, Pragmatismus und Klarheit geprägt und brachte das Wesentliche zur Sprache. „In diesem Kongresse schaffen wir dem jüdischen Volk ein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend, zum Leben dringend braucht,“ mahnte er zum Schluss seiner Rede. Tatsächlich sollte es gelingen, nach fast mehr als 1800 Jahren in Form des Zionistenkongresses eine anerkannte, auf Dauer angelegte öffentliche Vertretung der Juden zu etablieren.

Ikonisches Foto von Theodor Herzl: Vom Balkon des Grand Hotel Les Trois Rois in Basel schaut er nachdenklich auf den Rhein. Foto: Ephraim Moses Lilien / GPO

Theodor Herzl war ein Staatsmann, der seinen Staat erst noch verwirklichen musste und für diese Zielsetzung die richtigen Worte fand. Er hatte die Gründung eines Nationalstaates für die Juden nicht nur als Vision, sondern als klares, konkretes Ziel vor Augen. Dabei agierte er als echte Führungspersönlichkeit. Er verstand es, zu delegieren und seine Mitstreiter anzufeuern, indem er ihnen die gebührende Anerkennung zukommen ließ. Die tiefgründigere und rhetorisch brillantere Rede in Basel hielt Theodor Herzls Weggefährte Max Nordau, von Beruf Arzt, aber auch einer der damals einflussreichsten Publizisten deutscher Sprache. Als dieser vom Rednerpult zurückkehrte,  beglückwünschte ihn Theodor Herzl mit einem berühmten Zitat von Horaz: Ein „monumentum aere perennius“ sei ihm mit seiner Rede gelungen, ein „Denkmal, dauerhafter als Erz“. Gemeinsam haben sie mit ihren Worten und Taten den modernen jüdischen Staat möglich gemacht.

Ein weniger bekanntes Foto von Theodor Herzl, der ein begeisterter Radfahrer war. „Wenn man uns das vor zehn Jahren gesagt hätte – nein, noch vor fünf oder drei oder zwei Jahren. Ernsthafte Leute würden sich das als respektwidrige Zumutung mit einer gewissen Trockenheit verbeten haben. Es war die allzu muntere Leibesübung junger Burschen oder lächerlicher Sportsnarren. Und heute sieht man ehrenfeste unjunge Leute auf dem Zweirad durch die Gassen jagen, und sie machen dazu ganz ernsthafte Minen,“ schrieb er in einem Feuilleton über das Radfahren, veröffentlicht am 1. November 1896 in der Neuen Freien Presse. Foto: GPO

 

Quellen und Literaturhinweise
  • Theodor Herzl: Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Zürich 1988
  • Theodor Herzl: AltNeuLand. Ein utopischer Roman. haGalil.com 2004
  • Theodor Herzl: Vision und Politik. Die Tagebücher. Frankfurt 1978
  • Theodor Herzl: Die treibende Kraft. Feuilletons. Herausgegeben von Marcus G. Patka. Wien 2004
  • Theodor Herzl: Ein echter Wiener. Feuilletons. Kommentiert von André Heller. Wien o.J.
  • Shimon Peres: Zurück nach Israel. eine Reise mit Theodor Herzl. München 1998
  • Michael Krupp: Die Geschichte des Zionismus. Gütersloh 2001
  • Julius H. Schoeps: Theodor Herzl 1860-1904. Eine Text-Bild-Monographie. Wien 1995
  • Camille de Toledo, Alexander Pavlenko. Herzl. Eine europäische Geschichte. Graphic Novel. Frankfurt 2020
  • Shlomo Avineri: Theodor Herzl und die Gründung des Staates Israel. Frankfurt 2016
  • Derek Penslar: Theodor Herzl. Staatsmann ohne Staat. Eine Biographie. Göttingen 2020

 

Der "Erste Zionistische Weltkongress" wurde vollständig protokolliert und steht hier zum Download bereit. Für die Titelillustration danken wir Amit Shimoni, der unter dem Label Hipstory eine viel beachtete Reihe von Hipster-Zeichnungen historischer Persönlichkeiten aus der ganzen Welt veröffentlicht.

 

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