Ist Toleranz die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang?

Autor*in: Christian Gasche
Henryk M. Broder, bei seiner (Dankes-)Rede in der Paulskirche 2007 - Quelle: Wikipedia gemeinfrei

Er bezeichnet sich in dieser Rede selbst als „jüdischen Pausenclown, der in einer großen Manege seine kleinen Kunststücke vorführen darf.“ Früher klatschten die Linken, bis er sie wegen ihres Eintretens für die Palästinenser des Antiamerikanismus und des Antizionismus kritisierte. Heute versuchen die Rechten, ihn vor ihren Karren zu spannen, weil er engagiert vor dem Islamismus bei uns und vor allem international warnt. Henryk Marcin Broder ist wohl der umstrittenste Polemiker der Republik. Am 24. Juni 2007, heute vor 14 Jahren, erhielt er den Ludwig Börne-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Er hielt eine humorvolle und selbstironische, aber auch verstörende Rede, die bis heute nachwirkt.

Er beginnt artig, dankbar und fast demütig und sagt, was man von einem Preisträger erwartet. Dass dies aber bereits mit einer gewissen Portion Spott für die Zuhörenden gewürzt ist, erschließt sich erst heute in der Nachbetrachtung. Er weiß, wie seine folgenden Worte bei dem weltoffenen, liberalen und toleranten Frankfurter Bürgertum ankommen könnten. Er kokettiert damit, dass er wohl besser wäre, „je weniger ich sagen würde“ und vergleicht dies mit einem Auftritt vor dem Münchener Amtsgericht. Er kündigt seine späteren Grenzverletzungen indirekt an, indem er seine Anwälte namentlich begrüßt. Aber sein Plädoyer zu unterlassen, wider die falsche Toleranz gegenüber dem Islam zu sprechen „wäre langweilig, und Dummheiten zu begehen macht viel mehr Spaß, als Dummheiten aus dem Weg zu gehen. Und deswegen möchte ich doch die Gelegenheit nutzen und etwas sagen, auch auf die Gefahr hin, mir eine Blöße zu geben und unsouverän zu erscheinen.“

Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?

Über diese Rede von Henryk M. Broder zu schreiben kommt für mich einer Gratwanderung gleich. Seine brillante Rhetorik, wirkmächtigen Sprachbilder und seine ironischen bis sarkastischen Analogien setzt der Redner gekonnt ein. Nach kurzen biografischen und bekannten Hinweisen auf seinen „Migrationshintergrund“ als spät eingereister Pole, „Beutedeutscher“ und Jude, beschreibt er sich heute als Glückskind, das aktuell ein leises Unbehagen verspürt: „Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?“ fragt er sich und erzählt zwei kurze Geschichten über die Absurditäten in der deutschen Politik- und Medienlandschaft. Mit der dritten Geschichte kommt er zu dem Thema, das seine Rede fortan prägt. Er entrüstet sich: „Es gab keinen Aufschrei der Empörung, als der Direktor des Hamburger Orient-Instituts vor kurzem erklärte, falls Iran wirklich nach Atomwaffen strebe, dann nur deshalb, um mit dem Westen auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können. Teheran gehe es darum, endlich respektiert zu werden.“ Broder schildert nun die aus seiner Sicht so gelassene Nicht-Reaktion in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit. „Eine Atommacht Iran wäre nur „für seine Nachbarn“ ein Problem, „für eine säkulare Türkei und natürlich für Israel“, aber Europa, das gute alte Europa, müsse sich „von Iran in keiner Weise bedroht fühlen“ zitiert Broder den Wissenschaftler. In der Tat kann ich die Entrüstung von Broder nachvollziehen. Eine künftige Atommacht, die die Existenz Israels bedroht, und Deutschland zuckt die Schulter, wenn es den eigenen Worten Taten folgen lassen müsste? Der iranische Präsident, Mahmoud Ahmadinejad, schwadronierte seit Jahren von einer „World without Zionism“, wollte nun die Bombe bauen und hierzulande regte sich aus Sicht Broders die Staatsräson nicht ausreichend, die Existenz Israels zu verteidigen? Untätig war Deutschland gegen das Iranische Atomprogramm allerdings damals schon nicht gewesen. Gleichgültigkeit über eine Bedrohung Israels konnte man beim besten Willen nicht behaupten. Die USA, die Außenminister Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands arbeiteten mit diplomatischen Mittel, um die Arbeit der Internationalen Atomenergiebehörde zu ermöglichen und die Urananreicherung für die militärische Nutzung zu unterbinden. Deutschland verhandelte im Hintergrund, bis am 14. Juli 2015 die „historische Übereinkunft“ (Obama) den Atomstreit vorläufig diplomatisch entschärfte und Iran damit höhere Hürden gesetzt bekam, die Atombombe weiter zu entwickeln. Aber das konnte der Redner am Tag der Preisverleihung 2007 natürlich nicht wissen. Und dass ein Wissenschaftler die Bedrohung Israels so verharmlosen wollte, ist empörend. Aber warum insinuiert der Redner, dass seine Zuhörer über die Bedrohung Israels nicht genauso und noch mehr besorgt seien?

Depression oder Aggression: Ich habe ich mich immer für die Aggression entschieden

Bis hierher dürfte Henryk M. Broder rund neun Minuten gesprochen haben, die kommenden 20 Minuten seiner Rede werden weniger unterhaltsam, kommen bisweilen bissig-sarkastisch daher. Sie enthalten für mich Zumutungen. Eigentlich, meint der Redner und leitet einen neuen Abschnitt ein, wollte er ausnahmsweise nichts zur Appeasement-Politik der Europäer gegenüber dem neuen Totalitarismus sagen. Das Gegenteil ist der Fall, denn er legt jetzt erst richtig los: „Wir haben es immer wieder mit derselben Situation zu tun: Dem Tatendrang der einen Seite, die sich als der bewaffnete Arm Gottes versteht, steht das hilflose „Nie wieder!“- und „Wehret den Anfängen!“-Gestammel der anderen Seite gegenüber, die nicht gemerkt hat oder nicht merken will, dass die Anfänge schon lange vorbei sind.“ Er sagt es nicht, aber „die eine Seite“ ist der aufkeimende islamische Antisemitismus, der nicht erst seit 9/11 weltweit auf Expansionskurs ist. Er leitet dann mit zwei Beispielen seinen rhetorischen Höhepunkt ein: Als ersten Beleg zitiert er den Intendanten des Berliner Theaters, der die Morde der Roten Armee Fraktion (RAF) als Taten „keiner gewöhnlichen Mörder“ bezeichnet hatte, weil diese als fehlgeleitete Idealisten sich nicht bereichert hätten. Seine Zuhörer werden ihm auch bei dieser Entrüstung zustimmen. Und dann erinnert er in seinem zweiten Beleg an die Ermordung des Frankfurter Bankierssohn, Jakob Metzler. Dessen Mörder war während der ersten Verhöre, als der Junge noch nicht gefunden war, Folter durch verzweifelte Polizeibeamte, angedroht worden. Die Anwälte des inzwischen Verurteilten hatten beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Beschwerde eingelegt und das EGMR hatte diese angenommen. Auch hier rennt Broder mit der für alle Frankfurter skandalösen Opferstilisierung des Täters offene Türen ein. Mit diesen Geschichten grundiert er nun seine Behauptung, dass „der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz.“ Die Toleranz sei das Gebot der Zeit einer vertikalen Gesellschaft wie bei dem Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing gewesen, nicht aber mehr in einer horizontalen, die weder Oben noch Unten kenne. „Das Toleranzgebot [komme] nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.“ Nun folgt das letzte Drittel seiner Rede, in dem er seine Forderung nach Intoleranz gegenüber Intoleranten (islamischen Antisemiten) wiederum mit Beispielen argumentativ zu belegen versucht, bei denen er selektiv zugespitzt Ereignisse schildert und die vermeintlich zu toleranten Reaktionen der Öffentlichkeit kritisiert.

Toleranz aus Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit?

„Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden.“ Diese These kann und muss man diskutieren und am Einzelfall sehr genau abgrenzen, wo Intoleranz anfangen muss: Beispielsweise geben die Menschenrechte, das Grundgesetz oder das Strafgesetzbuch klare Orientierung, welches Verhalten eine Gesellschaft nicht tolerieren kann. Denn auch in diesem Kontext würden die Zuhörer dem Redner zustimmen. Aber es folgen Verweise auf die damals nicht nur in Berlin geschehenen, unfassbar brutalen Ehrenmorde. Henryk M. Broder formuliert nun einen Satz, den ich einerseits aus seiner Perspektive verstehe, dem ich aber bei den letzten acht Worten widerspreche: Ein Verteidiger der Aufklärung „darf Ehrenmorde und andere Kleinigkeiten nicht mit dem „kulturellen Hintergrund“ der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind.“ Eine Unterscheidung zwischen dem brandgefährlichen politischen Islamismus und immerhin eine der fünf Weltreligionen, dem Islam, hätte ich mir hier dennoch gewünscht, auch wenn ich seine Empörung nachvollziehen kann. „Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken“, meint er und klagt damit seine Zuhörer an, nicht genug gegen Ehrenmorde und den wachsenden Islamismus hierzulande und den islamistischen Antisemitismus in der Welt zu unternehmen.

Die Falle der Äquidistanz und des Relativismus

Es folgen weitere Beispiele, warum eine selektive Intoleranz notwendig sei, um nicht in die Falle der Äquidistanz und des Relativismus zu tappen. Als Beweis führt er den unter Linken verbreiteten Relativismus an, „George Bush und Osama Bin Laden seien aus demselben Holz geschnitzt, die Zahl der Menschen, die bei Terroranschlägen ums Leben kommen, sei viel kleiner als die Zahl der Verkehrstoten, und die christlichen Kreuzfahrer hätten viel mehr Blut vergossen als die islamischen Terroristen heute.“ Und sarkastisch fährt er fort: „So kann man sich aus der Wirklichkeit schleichen, aber man entkommt ihr nicht. Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe ihre Anerkennung als Alternative zur vegetarischen Lebensweise fordern würde, zeichnen sich doch beide durch eine gewisse Einseitigkeit aus.“ Den Vorwurf der Äquidistanz belegt er mit einem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts, das Demonstranten entgegen des Verbots durch den Polizeipräsidenten gestattete, die Symbole und Fahne der Hisbollah, der palästinensischen Terrororganisation, zu zeigen. Broder folgert daraus: „Und so werden die Kinder und Enkel der Judenmörder von gestern demnächst unter der Fahne der Judenmörder von morgen für eine gerechte Endlösung der Nahost-Frage demonstrieren.“

 

An Deutschland zu leiden scheint überhaupt eine sehr jüdische Tugend zu sein: von Börne und Heine über Jakob Wassermann zu Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki. Ich möchte mich dieser Tradition gerne verweigern. Wenn ich schon leiden muss, dann nicht an Deutschland, sondern an meiner eigenen Unvollkommenheit.

 

Ludwig Börne auf einem Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim – Quelle: Wikipedia

 

Diese Rede war eine nachdenklich machende Zumutung

„Bin ich verrückt, weil ich so etwas absurd und obszön finde, oder sind es die anderen, die nichts dabei finden?“ fragt er anschließend erneut. Man spürt, dass er diese Frage ernst meint und an dem Relativismus leidet, den nicht nur diese Entscheidung des Verwaltungsgerichts ausdrückt. Er erwähnt die Rechtsnachfolge der Reichsbahn durch die Deutsche Bahn, der Wehrmacht durch die Bundeswehr und stellt dann die rhetorische Frage: „Nur die Wiege der bundesdeutschen Justiz stand ganz allein in einer Suppenküche der Heilsarmee, wo sonst.“ Der Polemiker überspitzt, was wohl einerseits in seinem Naturell liegt, aber auch seinem Selbstbild entspricht. Er bekäme ja den Preis, der nach einem Juden benannt sei, der an Deutschland gelitten habe. Und an Deutschland zu leiden scheine überhaupt eine sehr jüdische Tugend zu sein: „von Börne und Heine über Jakob Wassermann zu Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki. Ich möchte mich dieser Tradition gerne verweigern. Wenn ich schon leiden muss, dann nicht an Deutschland, sondern an meiner eigenen Unvollkommenheit.“ Er leidet an der Zeit, weniger an dem Land, dem er so oft es geht nach Island oder in die USA entflieht. Ihn schmerzt die Verrücktheit einer liberalen Gesellschaft, die zu wenig wehrhaft auf den Totalitarismus und Intoleranz hierzulande aber vor allem in der Welt reagiert. Und er kokettiert mit seiner eigenen Unvollkommenheit, weswegen er sich gegen Ende seiner Rede auch bezeichnet als „jüdischen Pausenclown, der in einer großen Manege seine kleinen Kunststücke vorführen darf. Ich will gar nicht bestreiten, dass es mir Spaß macht und dass ich es gerne mache, meine Clownereien sind ein Beweis dafür, wie liberal die Gesellschaft geworden ist, die sogar meine Grenzverletzungen goutiert, solange sie dabei unterhalten wird.“ Sein brillanter aber auch provokanter Vortrag stimmt jedenfalls nachdenklich. Und mit seinem Zorn über eine liberale Gesellschaft, die die Grenzen der Toleranz gegen die Intoleranz aus seiner Sicht zu weit zieht, begeht er gezielte Grenzverletzungen, für die er allerdings neben seinem Geist auch den Mut einsetzt, eine Minderheitsposition zu beziehen. Damit steht er wohl in der Tradition Carl Ludwig Börnes, der einmal schrieb: „Im Dienste der Wahrheit genügt es nicht, Geist zu zeigen, man muß auch Mut zeigen.“ Broder endet mit einem Gedicht von Hanns Dieter Hüsch, „das Schwarze Schaf vom Niederrhein“, dem er sich in der Frage, wer denn hier verrückt sei, eng verbunden fühlt:

 

Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen

Hanns Dieter Hüsch

Das vollständige Gedicht auf YouTube, vom Autor gesungen.

 

Über Henryk M. Broder

Henryk M. Broder ist vor allem als Journalist und Buchautor („Der ewige Antisemit“) bekannt. Aber er tritt auch immer wieder als Redner auf. Aufsehen erregte er mit seiner Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki, der 2010 den Börne-Preis für sein Lebenswerk erhielt. Umstritten war seine Rede vor der AfD-Fraktion (2019), von der Michael Wolffsohn in der Welt schrieb, er enttarne „in brillanter Weise die AfD durch Fakten und Witz – ohne Schaum vor dem Mund.“ Im Fernsehen war er in der fünfteiligen satirischen TV-Serie „Entweder Broder – die Deutschland-Safari“ (2010-2012) zu sehen.

 

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Jacqueline Schäfer
    24. Juni 2021 17:52

    Brillant analysiert. Leider tritt Broder bei seinen Gratwanderungen heutzutage zunehmend daneben. Aber diese Rede 2007 ist allein deshalb verdienstvoll, weil sie förmlich zum Nachdenken und zur Haltung zwingt.

  • Peter Sprong
    28. Juni 2021 20:08

    Danke für den erhellenden Beitrag. Das rhetorisch-argumentative Problem bei Broder scheint mir zu sein: der Aufbau eines „Popanz“. Das heißt: Er will hier einen Begriff (und dessen Anhänger*innen) niederkämpfen, der gar nicht so definiert ist, wie er ihn zum Zwecke seiner Polemik zurechtstutzt. Toleranz ist nur nicht dasselbe wie Gleich-Gültigkeit. Das eine schließt das andere sogar aus. Warum das so ist und was es mit der Toleranz tatsächlich auf sich hat, erklärt zum Beispiel diese Rede/Vorlesung des Frankfurter Philosophen Rainer Forst:

    https://www.google.de/amp/s/www.deutschlandfunknova.de/amp/beitrag/philosophie-die-grenzen-der-toleranz

    Sollte sich (zum Beispiel) Herr Broder mal anhören… !

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