Ich bin von jeher nicht beredt gewesen

Charlton Heston als Mose in dem Monumentalfilm "The Ten Commandments“ von Cecil B. DeMille, Paramount 1956 © picture alliance / PictureLux/The Hollywood Archive | THA

Mir gefällt der Beitrag des „Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache“ zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Und zwar so gut, dass ich selber auch eine Geschichte über einen jüdischen Redner beisteuern will. Aber wie das häufig so ist – beim Redenschreiben oder im richtigen Leben: Man sagt – auch ein wenig gebauchpinselt  – zu, und wenn es an die Umsetzung geht, läuft erstmal  alles schief – im Bauch und am Pinsel.

Zunächst fällt Mose nicht in den 1700 Jahre-Zeitraum. Er hat noch einmal tausend und mehr Jahre vorher gelebt. Dann war er von Beruf Schäfer, nicht Redner. Zu reden widerspricht dem Wesen eines Schäfers. Da ist selbst der singende Schäfer aus der Sendung „Bauer sucht Frau“ nur auf den ersten Blick eine Ausnahme. Seine wichtigste Grundsatzrede, die eine Zusammenfassung des Exodus, der Wüstenwanderung, darstellt, ist wenig bekannt (5. Mose 1ff) und eher eine spätere Komposition als eine tatsächlich gehaltene Rede (siehe dazu Irith Shillor: Moses. Zeit zum Reden, in: Jüdische Allgemeine Zeitung vom 27.07.2006). Es kommt aber noch härter: Glaubt man der Bibel, war Mose nicht mal ein Profi in Sachen Reden und Rhetorik. Gott selbst klagt er sein Leid mit folgenden Worten: „Ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge“ (2. Mose 4,10). Ein Redenstümper also, manche sagen sogar: ein stotternder dazu! Sein eigener Schwiegervater rief und riet ihm zu: „Hör auf damit, du machst dich müde und das Volk auch!“ (2. Mose 18,18).

Vielleicht liegt genau da der Schlüssel für ein etwas anderes Mosebild, das unserer Zeit der scheinbaren Perfektion und Fehlerfreiheit einiges mitgeben kann. Fest steht: Bei einem rhetorischen Assessment hätte er sich nicht durchgesetzt. Bei einer Bewerbung auf den Job des Anführers wäre er halt- und hilflos untergegangen: Findelkind, Stotterer; und vor allem: ein Totschläger, der einen ägyptischen Aufseher umgebracht hat und deshalb fliehen musste.

Aber jetzt kommt es: Nach ihm allein sind fünf Bücher der Bibel benannt. Was das bedeutet sieht man daran, dass selbst nach den Königen nur zwei Schriftrollen heißen nebst einer Spruchrolle von König Salomo. David, Salomos Vater, geht sogar  leer aus. Josef wurde erst einige Tausend Jahre später mit Buchnamen bedacht. Aber Thomas Mann, der oft Grenzenlose, beließ es bei vier (und nicht fünf oder sechs!) Büchern über „Joseph und seine Brüder“! Rembrandt und Rubens in der Malerei, Michelangelo als Bildhauer, Bruch, Lachner, Schönberg und Händel in der Musik, Charlton Heston und Burt Lancester im Film – sie alle haben das Bild eines starken, kämpferischen Mose  gezeichnet. Und dafür fallen mir drei gute Gründe ein – trotz seiner Schwächen!

Bote, Kämpfer, Fragender

Der erste betrifft die „Zwei Tafeln“, die er vom Berg Sinai mitbrachte. Der Witz darüber wird in der ganzen Welt erzählt: Wie Moses vom Berg runter kommt und dem Volk sagt: „Leute, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht!“ Ruft das Volk: „Die gute zuerst!“ Sagt Mose: „Ich habe ihn auf Zehn runtergehandelt!“ „Und die schlechte?“ „Tja“, sagt Mose, „das Gebot »Du sollst nicht ehebrechen!« ist immer noch dabei!“ Die Zwei Tafeln, die in jeder Synagoge zu sehen sind, sind eine Charta der Menschenrechte lange vor der Zeitrechnung! Sozialer Schutz; gegen die Ausbeutung der Tiere und Natur; der Ruhetag als Tag der Muße für jedes Geschöpf! Das alles liest sich in unserer Zeit beinahe selbstverständlich und ist doch ein politisches Wunder der Antike! Das ist Mose! Nicht der Redner, er ist der Überbringer! Nicht der Rhetor, der Bote!

Der zweite Grund lautet „Freiheit“. Exodus, statt Exitus! Der Urgedanke nicht nur Israels, sondern der Moderne, ihrer Denker, Demokraten und aller Kunst! Freiheit, statt Knechtschaft! Freiheit, trotz Murren! Freiheit als Aufgabe und Ziel, als Hoffnung gegen alle Resignation. Moderner geht es nicht! (Ich streiche das „es“: Moderner geht nicht.) Mose der Kämpfer der Freiheit!

Der dritte Grund ist mir persönlich sehr wichtig: Es gibt das Protokoll eines Gespräches zwischen Mose und Gott. Solcherart Protokolle findet man selten. Die Szene spielt am brennenden Dornbusch. Aus dem Busch spricht Gottes Stimme zu Mose: „Ziehe deine Schuhe aus. Das Land auf dem du stehst, ist Heiliges Land! Geh nach Ägypten und haue mein Volk aus der Knechtschaft und Sklaverei“, so wird Gott zitiert. Und dann spricht Mose. Nur zwei Fragen stellt er; zwei Fragen, die es in sich haben. Die eine: „Wer bin ich, dass ich darunter gehe und genau das tue? (Man muss sich jetzt den Vogelfinger an der Stirn vorstellen. Mose wurde ja in Ägypten wegen Totschlags gesucht.) Eine grundlegende und offene Frage, eine anthropologische Grundfrage, die in der Literatur, der Psychologie, der Philosophie, immer wieder reflektiert wurde – bis hin zu Bonhoeffers Gedicht: „Wer bin ich?“ in der Tegeler Gefängniszelle. Die andere Frage hat es wenigstens genau so in sich und wirkt beinahe noch größer: „Und wenn sie mich fragen, wer mich geschickt hat; was antworte ich dann?“ Übersetzt also: „Und wer bist du?“

Ein Großer mit vielen Fehlern

„Wer bin ich?“ Und: „Wer bist du?“ Zwei Grundfragen des Menschseins, die uns alle irgendwann einholen, die niemand für einen anderen beantworten kann und die man manchmal nicht einmal für sich selbst beantwortet kriegt, weil man wieder einmal in seine Grenzen gewiesen wurde oder sich selber verloren hat: Als Redner oder Anführer, als Ehepartner oder Freund, als Eltern oder Vorgesetzter, als Nachbar oder auch nur vor sich selber.

Mose – ein ganz Großer mit ganz vielen Fehlern! Ein Mensch, dem Gott nahe kam und er den Menschen. Manche fragen historisch kritisch, ob er überhaupt gelebt, ob es ihn wirklich gegeben hat. Das kann man tun. Aber es gibt eine Frage, die uns weiterbringen kann als diese; nämlich die, was er uns und unserer Zeit zu sagen hat, der alte Mose, auch durch seine beiden Gott gestellten Fragen!

 

 

Dr. Matthias Schreiber

Dr. Matthias Schreiber arbeitet beim Landtag Nordrhein-Westfalen. Er ist Vorsitzender des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ und gibt Seminare für Redner und Schreiber.

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Thilo v. Trotha
    17. Juni 2021 16:47

    Excellent. Überzeugend. Ein Beispiel, wie Einfachheit zur Größe führen kann

  • Jacqueline Schäfer
    23. Juni 2021 11:47

    Ein ebenso humorvoller wie geistvoller Zugang zu Mose! Herzlichen Dank!

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