Wahrheit als Waffe gegen die Diktatur und die Macht der Soldatenmütter

Erika Manns erste Rede vor einem großen Publikum. 23.000 Menschen besuchten die Boykottveranstaltung, die am 15. März 1937 im Madison Square Garden in New York stattfand. Veranstalter waren der American Jewish Congress (AJC) und das Jewish Labor Commitee (JLC). Foto: Wikipedia/US Library of Congress

„Bei unseren Versammlungen soll und darf niemals gelogen werden. Die Wahrheiten, die uns wichtig sind, sind mächtiger und überzeugender als alle Unwahrheit, die von einem Propagandaministerium nur zu einem Zweck geschaffen und erdacht wurde: nämlich zur Verbreitung der Unwahrheit.“ Ein Bekenntnis zur Wahrheit, von schmerzhafter Aktualität. Es eröffnete eine Rede, die vor 85 Jahren gehalten wurde. Unbeirrt und kompromisslos trat die Rednerin im überfüllten Madison Square Garden in New York auf. Und obwohl sie englisch sprach, wurde sie von nun an eine der wichtigen deutschen Stimmen im Kampf gegen Nazideutschland: Erika Mann. 

„Die Frauen im Dritten Reich“ seien es gewesen, die Hitler gewählt hätten, so Erika Mann, die diese Feststellung zu den unbequemen Wahrheiten zählt, die zu benennen sie eingangs gelobt hatte. Für die Enkelin der Feministin Hedwig Dohm muss es eine schmerzhafte Erkenntnis gewesen sein, was sie zur Begründung ausführt: „Es würde zu weit führen, den Stellenwert und die Gefahren des Frauenwahlrechts zu erörtern, aber es ist eine Tatsache, dass das emotionale Element gerade im Fall von stimmberechtigten Frauen eine große Rolle spielt, und ihre Gefühle entschieden sich in diesem Fall für den gestutzten Schnurrbart, die Schaftstiefel und die haltlosen Versprechungen – ihre Gefühle glaubten, was ihnen schmeichelte.“ Diese Liebe zu Hitler –„alle Frauen liebten ihn“ – werde bitter enttäuscht werden, prophezeit Erika Mann.

Ihre Gefühle glaubten, was ihnen schmeichelte

Es ist interessant und aus heutiger Sicht ungeheuerlich, wie Mann Frauen scheinbar Rationalität abspricht: Indem sie Äußerlichkeiten statt Argumente für die Wahlentscheidung aufzählt, unterfüttert sie ihre Aussage auch stilistisch. Und dennoch hat die Rede nicht die Anmutung einer antifeministischen Schuldzuweisung. Das liegt daran, dass Mann zum Schluss ihrer Rede Hoffnung gerade in die Frauen setzt: „…ich bin überzeugt, dass die deutsche Frau ihre Rolle bei den einschneidenden Veränderungen spielen wird, die zweifellos kommen werden.“

Erika Mann Ende der 1930er Jahre. © Literaturarchiv Monacensia / Stadtbibliothek Münche

Mütter als Machtfaktor

Wie kommt es zu dieser scheinbaren Inkongruenz in der Bewertung der Frauen? Erika Mann nutzt die Beschreibung der Rolle der Frau im Dritten Reich geschickt, um einerseits die absurd-grauenvollen Entwicklungen in Nazideutschland zu dokumentieren und andererseits zu zeigen, dass diese zwangsläufig zu einer Erkenntnis führen werden, einer Erkenntnis die aus einer Enttäuschung herrührt. Mann verdichtet diesen Prozess auf folgende Eckpunkte: Zunächst sollte die Frau aufhören „ein vernunftbegabtes Individuum zu sein“. Ihr Platz sei in der Familie, die als blühendes Ideal stilisiert wurde. Doch die Frauen wurden getäuscht: „Die Frau im Dritten Reich ist eine Zuchtstute“, so Erika Mann, deren einziger Zweck es sei, Krieg vorzubereiten und zu ermöglichen. Frauen, das waren vor allem Soldatenmütter in der Lesart der Nazis. Doch legt man die Betonung auf Mütter, dann wird klar, woraus Erika Mann ihre Hoffnung bezieht. Mütter werden es auf Dauer nicht ertragen, wenn ihre Söhne fallen und ihre begabten Töchter beim Arbeitsdienst verschlissen werden. Mütter, so die unausgesprochene Hoffnung, werden aufbegehren. Ein Gedankengang, der aktuell auch im Krieg gegen die Ukraine eine Rolle spielt. In Russland wird die „Union des Komitees der Soldatenmütter Russlands“ als Angstgegner Putins angesehen.

Erika Mann bleibt ihrem Wahrheitsversprechen treu, indem sie wie ein Jiu-Jitsu-Kämpfer den Angriff der Nationalsozialisten auf die Humanität in eigene Angriffsenergie umwandelt: Sie zitiert lang und wörtlich aus den Nürnberger Gesetzen, treibt schließlich deren perverse Vorschriften und Rassendefinition satirisch auf die Spitze – „Wir lesen nichts über Gesetze, die Ehen zwischen ausländischen Vierteljuden untereinander regeln, und wir sind ein wenig über das Schicksal ausländischer Achteljuden besorgt, die vielleicht eine Braut heimführen wollen, die einheimische Sechzehnteljüdin ist. Es gibt so viele von ihnen und wir können kein einziges Wort über sie finden“. Den Ausflug ins Absurde fängt Erika Mann, die in Europa mit ihrem Kabarett „Die Pfeffermühle“ Stellung gegen die Nazis bezogen hat, im Stile der politischen Kabarettistin auf: „Ich gebe zu, dass all dies eher komisch als gefährlich klingt – in Wirklichkeit ist es weit gefährlicher als komisch.“

Ein Vorbild bis heute

Mit diesen Stilmitteln – sachlicher Information und sarkastischer Interpretation – hält Erika Mann die Zuhörerschaft in Atem und ihr möglicherweise elegant den Spiegel vor. Denn gab es die Nürnberger Gesetze nicht schon seit 1935? Hätte man nicht die Wahrheit finden können in diesem juristischen Werk der Schande, wenn man es nur gewollt hätte? Und hatte die Weltöffentlichkeit nicht trotzdem Schnurrbart und Schaftstiefeln ein Jahr später bei den Olympischen Propagandaspielen in Berlin die Ehre erwiesen? Meint Erika Mann, wenn sie von den Frauen spricht, nicht alle, die sich haben blenden lassen? Wir wissen es nicht. Aber es würde zu ihr passen.

Sie machen zehnmal mehr gegen die Barbarei als wir alle Schriftsteller zusammen.
Joseph Roth an Erika Mann, Frühjahr 1935

Die Rede im Madison Square Garden war der Startschuss für Erika Mann Karriere als Vortragsrednerin, die von vielen angesichts der BBC-Reden ihres Vaters Thomas oft übersehen wird. Thomas Manns Reihe „Deutsche Hörer“, mit denen er sich in der Muttersprache an seine Landsleute wandte, trägt jedoch auch die Handschrift der Tochter, des „kühnen und herrlichen Kindes“ wie der Vater sie einst beschrieb. Erika war es, die den Vater überzeugte, Stellung zu beziehen und seinen Ruf und Einfluss zu nutzen. Sie war es, die seine Reden redigierte. Und sie war es, die aus dem unpolitischen Thomas Mann eine der wichtigsten deutschen Stimmen gegen Hitler machte. Nach ihrem Auftritt am 15. März 1937 im Madison Square Garden schickte er ihr ein Telegramm, in dem er sie beglückwünschte. Ein Satz sticht heraus: „Du sprichst dort als selbstständige Persönlichkeit, zugleich aber tust du es gewissermaßen an meiner statt als meine Tochter und als meines Geistes Kind.“ Erika Mann hatte das Wort und die Wahrheit als Waffe gegen die Diktatur perfektioniert. Was als Kabarettistin begann, setzte sie als Rednerin und später als Kriegsreporterin fort. Schon 1935 hatte ihr Joseph Roth geschrieben: „Sie machen zehnmal mehr gegen die Barbarei als wir alle Schriftsteller zusammen.“

Die Kraft des Wortes und der Wahrheit, die Erkenntnis durch Enttäuschung – vielleicht können sie heute noch eingesetzt werden. Eine oder einer allein wird es nicht schaffen. Aber viele Stimmen könnten die Stimmung drehen. Es käme auf einen Versuch an.

Mit ihrer Rede im Madison Square Garden begann Erika Manns Karriere als Vortragsrednerin. Links ein Werbeblatt für einen Vortrag anlässlich des Chanukka-Festes, rechts eine Liste ihrer Vorträge und Einnahmen 1938/39. Weitere Dokumente über Erika Mann finden sich in der virtuellen Ausstellung „Künste im Exil“ der Deutschen Nationalbibliothek (kuenste-im-exil.de). © Literaturarchiv Monacensia / Stadtbibliothek München
Der Text der Rede zum Download
Erika Manns Rede ist unter dem Titel »Hitler – eine Gefahr für den Weltfrieden« in dem Band »Erika Mann, Blitze überm Ozean.Aufsätze, Reden, Reportagen« enthalten, herausgegeben von Irmela von der Lühe und Dr. Uwe Naumann. Aus dem Englischen übersetzt von Ernst-Georg Richter und Claudia Schoppmann. Wir danken dem Rowohlt-Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.
Copyright © 2001 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

 

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