Sie wurden binnen einer Viertelstunde in Leichen verwandelt

Aus dem Exil engagierte sich Thomas Mann in der Sendereihe »Deutsche Hörer!« gegen die Nazis; die Fotografie zeigt ihn im Jahr 1938 am Mikrofon des Radiosenders WQXR. Foto: Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Nachlass Eric Schaal © Weidle-Verlag, Bonn

Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann fast jeden Monat per Radio an die „Deutschen Hörer“ – in der BBC. 55 Reden insgesamt hielt der Schriftsteller, doch nur eine davon behandelte das größte Verbrechen des Hitler-Regimes.

An Klarheit ließ der Redner kein Mangel: „Ein genauer und authentischer Bericht liegt vor über die Tötung von nicht weniger als elftausend polnischen Juden mit Giftgas. Sie wurden auf ein besonderes Exekutionsfeld bei Konin im Distrikt Warschau gebracht, in luftdicht verschlossene Wagen gesteckt und binnen einer Viertelstunde in Leichen verwandelt.“

Zu hören waren diese Worte, vorgetragen in der sonoren Stimme von Thomas Mann, in Deutschland am Abend des 27. September 1942 – allerdings nur, wenn die Radioempfänger auf die Frequenz der BBC London eingestellt war. Zu dieser Zeit eine Straftat, genauer: ein „Rundfunkverbrechen“. Denn laut der „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ vom 1. September 1939 war das „absichtliche Abhören ausländischer Sender verboten“, konnte mit Zuchthaus oder „in besonders schweren Fällen“ mit dem Tode bestraft werden. Zuständig waren die NS-Sondergerichte, deren Urteile berüchtigt hart waren.

Das NS-Regime kriminalisierte alternative Informationswege, weil die eigene Propaganda das Bewusstsein der Menschen dominieren sollte. Genau dagegen trat Thomas Mann seit 1940 mit monatlichen Radioansprachen an, die immer mit den Worten „Deutsche Hörer!“ begannen.

Schonungslose Reden an die Deutschen

Dabei war er schonungslos, sprach etwa Anfang April 1942 über die Zerstörung fast der Hälfte seiner Heimatstadt Lübeck durch einen britischen Bombenangriff wenige Tage zuvor. Dazu sagte der bekannteste Schriftsteller deutscher Sprache: „Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben?“ Die Antwort folgte umgehend: „Es hat kaum zu zahlen begonnen.“ Was britische Bomber in Lübeck ausgelöst hatte, sei „nur ein Anfang“.

Am 27. September 1942 sprach er über den massenhaften Mord an vermeintlich rassisch minderwertigen Menschen, in seinen Worten: die „Judengräuel“ – und fuhr fort: „Wozu, fragt man sich? Warum? Wem ist damit gedient? Wird irgendjemand es besser haben, wenn die Juden vernichtet sind?“

Damit bewies Mann, was selbst im kalifornischen Exil problemlos über die Methoden der SS-Einsatzgruppen zu erfahren war. Eben nicht nur Angaben über Massenerschießungen, sondern eine recht exakte Beschreibung der mobilen Gaskammern, genannt „S-Wagen“, mit denen insgesamt laut Schätzungen etwa eine Viertelmillion Menschen ermordet wurde.

Die Ansprache Ende September war die einzige, die Thomas Mann überwiegend dem größten aller NS-Verbrechen widmete – es war, als sträube sich sein Geist, zu detailliert dieses ungeheure Verbrechen zu analysieren.

Vage Informationen über die noch viel „leistungsfähigeren“ stationären Mordfabriken gab es zwar im Sommer 1942 auch schon in Großbritannien und den USA, aber Mann griff sie nicht auf. Die Ansprache Ende September war sogar die einzige, die er überwiegend dem größten aller NS-Verbrechen widmete – es war, als sträube sich sein Geist, zu detailliert dieses ungeheure Verbrechen zu analysieren.

Diese Mann-Rede ist im Gegensatz zu anderen nur als Text-, nicht aber als Tondokument überliefert. Der seit 1938 in den USA ansässige Schriftsteller nahm seine fünf bis acht Minuten kurzen Ansprachen stets in einem Studio des US-Senders NBC in Los Angeles auf Schallplatte auf. Diese Aufnahme wurde nach New York geflogen, um von dort per Unterseekabel an die BBC nach London überspielt und dann auf Langwelle in ganz Europa ausgestrahlt zu werden. Sogar mit den einfachen Volksempfängern, auch „Goebbels-Schnauze“ genannt, konnte man die stets mehrfach wiederholten Sendung hören, mit besseren Empfängern sogar in recht guter Qualität.

Thomas Mann, geboren in Lübeck 1875, war 1903 mit der Volksausgabe seines Familienromans „Die Buddenbrooks“ der Durchbruch als Schriftsteller gelungen. Bald gehörte er zu den führenden Intellektuellen des Landes, unterstützte im Ersten Weltkrieg (im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Heinrich) die Politik. des Kaiserreichs, distanzierte sich davon aber bald und wurde 1922 zum überzeugten Republikaner.

Thomas Mann am Schreibtisch seines Hauses im Exil in Santa Monica, Kalifornien (1941) © picture alliance / keystone

Auf der Feindesliste der NSDAP

Als ihm 1929 der Literaturnobelpreis für seinen Erstlingsroman zuerkannt wurde, war Mann endgültig der bekannteste Kulturbürger Deutschland. Als solcher attackierte er regelmäßig die geist- wie kulturlose Hitler-Bewegung etwa im Oktober 1930. Natürlich geriet er dadurch auf die Feindesliste der NSDAP.

Anfang 1933 positionierte er sich klar gegen die Regierung Hitler – und musste wenig später Deutschland verlassen. Zwar fielen seine eigenen Werke nicht den Bücherverbrennungen zum Opfer, die Werke seines Bruders Heinrich und seines Sohnes Klaus aber schon. Sein Eigentum in München wurde unter fadenscheinigen Begründungen beschlagnahmt. Nachdem ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, siedelte Mann 1938 in die USA über.

Erst 1949 kehrte er kurzzeitig nach Deutschland zurück, in den folgenden Jahren wiederholte er seine Reisen, seit 1952 von der Schweiz aus, seinem letzten Heim in Europa. Am 12. August 1955 starb Thomas Mann im Alter von 80 Jahren im Zürcher Kantonsspital.

Der Beitrag wurde am 27. September 2021 in der WELT erstmals veröffentlicht. Die Texte sämtlicher Radioansprachen von Thomas Mann sind beim Fischer Verlag erhältlich. Einige Tondokumente sind auf der Seite Künste im Exil der Deutschen Nationalbibliothek und in der ARD-Audiothek zu finden.

 

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Antonia Kleikamp

Antonia Kleikamp ist Autorin bei der WELT.

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