Der Anfang des Gedenkens

Podcast mit Dr. Thilo von Trotha über die Arbeit an Helmut Schmidts Rede am 9. November 1978 in der Kölner Synagoge 

Königswinter, 8. November 2021 – 1978 hat Bundeskanzler Helmut Schmidt mit einer Rede zum 40. Jahrestag der Novemberpogrome den Grundstein für die bundesrepublikanische Gedenkkultur gelegt. Im Rahmen seines Projektes „Megilla – jüdisches Leben in Reden“, das der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) anlässlich des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ aufgelegt hat, spricht VRdS-Präsidentin Jacqueline Schäfer mit Dr. Thilo von Trotha. Im VRdS-Podcast gewährt der Verbandsgründer und Ehrenpräsident Einblicke in die Entstehungsgeschichte dieser heute fast vergessenen Rede, an der er selbst mitgewirkt hat.

Obwohl Schmidt als brillanter Rhetoriker gilt, als einer, der Sätze treffsicher abschießt wie Pfeile, verspricht er sich bereits im ersten Satz. Möglicherweise ein Zeichen des Drucks, der auf ihm lastete, so Trotha. Grund für den Druck: Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt spricht am 9. November 1978 in der Kölner Synagoge.

100 Stunden Arbeit für 36 Minuten Rede

Wie besonders dieser Anlass war, zeigte sich auch bei der Vorbereitung. „Wir waren alle regelrecht angefasst“, so Thilo von Trotha im VRdS-Podcast, „das war wahnsinnig aufregend. Es ist schwierig, von der heutigen Situation, in der man sich von dieser Zeit ein sehr genaues Bild gemacht hat, zu damals zurückzulenken. Aber wir waren damals – ohne dass die ganze Erinnerungskultur in der Breite schon existent war, wie sie es heute ist – alle sehr stark angefasst von der Idee, hier wird etwas ganz Besonderes von uns als Redenschreiber gefordert“.

Während 80 Prozent aller Reden für den Bundeskanzler ohne Absprache mit diesem verfasst wurden, erforderten Regierungserklärungen erheblich mehr Aufwand. Bis zu acht Treffen in größerer Runde waren die Regel, so Thilo von Trotha. Bei diesen sei der Bundeskanzler anwesend gewesen, dazu Experten aus den Fachressorts und der Kanzleramtsminister. „Diese Kölner Rede wurde noch gründlicher vorbereitet als es allgemein für Regierungserklärungen üblich war“, so Thilo von Trotha, „da wurden sehr viele Gesprächspartner auch außerhalb des Kanzleramtes eingebunden.“ So habe der Bundeskanzler seinen jungen Redenschreiber zu seinem guten Freund Eric Warburg, einen Bankier aus jüdischer Familie, geschickt, ausgestattet mit einem handschriftlich verfassten Schreiben. Schmidt erschien es wohl wichtig, dass sein Redenschreiber aus erster Hand Ratschläge für die Rede erhielt und nicht gefiltert durch die Wiedergabe des Bundeskanzlers selbst.

Schmidt und Israel – eine ambivalente Beziehung

Anders als seine Vorgänger Adenauer und auch Brandt tat sich Helmut Schmidt schwer mit seinem israelischen Amtskollegen. Das Verhältnis zu Menachem Begin war belastet und er hat Israel nie offiziell besucht. Gleichzeitig sah Schmidt – nicht zuletzt durch die Folgen der 1968er-Bewegung – die Notwendigkeit, ein innenpolitisches Zeichen zu setzen, was ausschlaggebend gewesen sein könnte, die Rede zum 40. Gedenken der Novemberpogrome zu halten. Thilo von Trotha: „Direkt nach dem Krieg hat man gesagt Schwamm drüber, es ist vorbei und ich habe damit nichts zu tun. Aber dieses Gefühl schmolz im Feuer der Jugendbewegung der 68er dahin. Und es war einfach an der Zeit, dass man sich diesen Sachen zuwandte, auch von Seiten der Bundesregierung.“ Ein Jahr nach der Rede kam die Serie Holocaust auf den Markt. Es gab heftige Diskussionen über deren Ausstrahlung in Deutschland. Helmut Schmidt trat sehr dafür ein, dass sie viele, vor allem junge Menschen erreichte. Im Sinne seiner Rede in Köln, in der er einen Gedanken weiter ausgeführt hat, den er ein Jahr zuvor schon in einer Rede in Auschwitz formuliert hatte: Die jungen Deutschen seien nicht schuld, aber trügen Verantwortung. Und sie könnten wieder schuldig werden. „Gerade der letzte Satz ist heute bedeutsamer denn je“, so VRdS-Präsidentin Jacqueline Schäfer.

Die Zukunft des Gedenkens

Helmut Schmidt hat mit seiner Rede in der Synagoge 1978 den Beginn der bundesrepublikanischen Gedenkkultur markiert. Jacqueline Schäfer: „Heute stellt sich die Frage, wie wir das Gedenken an die Shoa künftig gestalten sollen. Was bedeutet das mantraartig wiederholte ,nie wieder‘, wenn vor den jüdischen Einrichtungen immer noch Polizeischutz erforderlich ist und Juden empfohlen wird, bestimmte Regionen zu meiden? Wenn wir an den Gedenktagen ,nie wieder‘ sagen, dann dürfen wir im Alltag Antisemitismus nicht zulassen. Dann heißt es aufzustehen. Einzuschreiten.“

Die Deutschen können gut mit den toten Juden umgehen, nicht mit den Lebenden. Dieser Vorwurf sei nicht unberechtigt. Schäfer: „Es ist an uns, diesen Eindruck zu entkräften. Indem wir alle im Alltag danach handeln, was unsere Repräsentanten an Gedenktagen reden.“

VRdS-Podcast:

https://vrds.de/der-anfang-des-gedenkens-helmut-schmidts-rede-am-9-november-1978-in-der-koelner-synagoge/

https://www.swr.de/swr2/wissen/archivradio/helmut-schmidts-rede-zum-40-jahrestag-der-reichsprogromnacht-1978-100.html

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