„Nie wieder“ ist eine Phrase für Sonntagsreden geworden

Mathias Döpfner bei seiner Rede zum 90. Jubiläum des World Jewish Congress am 11. Mai 2026 in Genf. Foto: Shahar Azran/WJC

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat der Antisemitismus weltweit dramatisch zugenommen. Für die jüdische Gemeinschaft bedeutete das Massaker einen tiefen Einschnitt – weit über Israel hinaus. Entsprechend gedrückt war die Stimmung auch beim 90. Jubiläum des World Jewish Congress (WJC), zu dem vom 10. bis 12. Mai 2026 Repräsentanten jüdischer Organisationen aus aller Welt in Genf zusammenkamen. Mit seiner Rede legte Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, eines der deutlichsten Bekenntnisse zu Israel und zum Zionismus ab, das in den vergangenen Jahren zu hören war. Viele Zuhörer suchten anschließend das persönliche Gespräch mit ihm und dankten ihm für seine Worte, wie eine Teilnehmerin des Kongresses berichtete. Sie hätten ihnen Hoffnung gegeben.

Döpfner begann seine Rede mit einer provokanten Diagnose: Das Versprechen „Nie wieder“ habe versagt. Stattdessen gelte heute wieder: „Immer wieder Antisemitismus. Immer wieder Gewalt. Immer wieder Täter-Opfer-Umkehr.“ Er spricht über den neuen Judenhass an Universitäten, in Kultur und Medien, über die Rolle sozialer Netzwerke und den Antizionismus als neue Erscheinungsform des Antisemitismus. Zugleich formuliert er ein leidenschaftliches Plädoyer für Israel als demokratischen Rechtsstaat und zieht daraus eine weitreichende Schlussfolgerung: Zionismus sei nicht nur Sache der Juden, sondern eine Verpflichtung aller, die Freiheit, Demokratie und Menschenwürde verteidigen wollen. Sein eindringlicher Appell: „Wir alle sollten Zionisten sein.“

Wir veröffentlichen hier die deutsche Fassung der auf Englisch gehaltenen Rede.

Lieber Ronald Lauder, liebe Chella Safra, liebe Mitglieder und Freundinnen und Freunde des World Jewish Congress, verehrte Gäste!

Nie wieder möchte ich eine „Nie wieder“-Rede halten oder hören. „Nie wieder“ ist eine Phrase für Sonntagsreden geworden. Denn es stimmt einfach nicht. Wenn es stimmen würde, gäbe es keinen Hamas-Terror am 7. Oktober. Wenn es stimmen würde, gäbe es keine „Juda verrecke“-Rufe auf europäischen Straßen. Wenn es stimmen würde, gäbe es keine Angst jüdischer Eltern, ihre Kinder mit einer Kippa in die Schule zu schicken. Nie wieder ist eine moralische Absichtserklärung ohne Folgen. Nie wieder wäre ja jetzt. Aber jetzt gilt nicht „nie wieder“. Es gilt: immer wieder. Immer wieder Antisemitismus. Immer wieder Gewalt. Immer wieder Täter-Opfer-Umkehr.

Aus dem UN‑Menschenrechtsrats ist ein Menschenrechtsverdreherrat geworden.

Es ist dabei nicht ohne Ironie, dass wir uns zu diesem Thema heute hier ausgerechnet in Genf treffen. Der  World Jewish Congress wurde am 13. August 1936 in Genf gegründet. Ich gratuliere von Herzen zum 90. Geburtstag und wünsche für die Zukunft Kraft und Erfolg. Aber Genf ist auch Sitz des UN‑Menschenrechtsrats, in dem Israel seit Jahren mit Abstand am häufigsten verurteilt wird – öfter als Syrien, Nordkorea, Iran und Venezuela zusammen. Man setzt sich auch lieber mit angeblichen Menschenrechtsverletzungen in Island auseinander als mit dem Morden in Diktaturen wie Russland oder China oder dem Iran. Das Gremium der UN ist ein Menschenrechtsverdreherrat geworden.

Seit dem 7. Oktober 2023, seit dem grausamsten Pogrom gegen Juden nach der Shoah, erleben wir keine Solidarität, sondern eine globale Explosion des Judenhasses. Der 7. Oktober war kein militärischer Zwischenfall. Es war kein „Konflikt“. Es war ein Pogrom. Menschen wurden ermordet, weil sie Juden waren. Männer wurden bestialisch gefoltert. Frauen vergewaltigt.  Kinder gelyncht. Familien ausgelöscht. Weil sie Juden waren. Was folgte, war unfassbar.

Kaum waren die Bilder der Opfer zu sehen, begannen die Relativierungen. Kaum waren die Namen der Ermordeten bekannt, begannen die Rechtfertigungen. Israel wurde beschuldigt, noch während es angegriffen wurde. Wie der UN-Generalsekretär António Guterres es formulierte: man müsse “anerkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht in einem Vakuum passierten.“ Nicht in einem Vakuum. Anders formuliert: Schuld sind wieder die Juden.

Anders als oft behauptet, gab es diese Reaktionen nicht erst nach monatelangen Vergeltungsmaßnahmen Israels in Gaza. Es begann sofort. Wenige Wochen nach dem 7. Oktober gab eine Mehrheit junger  Amerikaner an, für die Aktionen  der Hamas Verständnis zu haben. Eine repräsentative Umfrage der Harvard University ergab, dass 60 Prozent der Amerikaner im Alter zwischen 18 und 24 Jahren der Ansicht waren, dass die „Tötung von 1.200 Israelis durch die Missstände der Palästinenser gerechtfertigt war“. Und eine Umfrage des Economist dokumentierte, dass zwanzig Prozent der jungen Amerikanern zwischen 18 und 29 Jahren überzeugt sind, dass der Holocaust eine Lüge ist.

Der 7. Oktober war der Wendepunkt. Als hätte der Terror der Hamas eine Schleuse geöffnet. Antisemitismus ist kein schwarzer Schatten aus Österreich und Deutschland mehr. Er ist seither zum globalen Exportschlager geworden. Besonders erfolgreich unter jungen Menschen. Modernisiert und verjüngt, fast wie ein Phänomen der Popkultur, breitet er sich rasend schnell in den Vereinigten Staaten aus, in ganz Europa, in Universitäten, in der Kunst- und Kulturszene, in den sozialen Medien und auf den Straßen unserer Städte – in Worten und Taten. Der Antisemitismus hat weltweit ein neues Ausmaß erreicht. Es ist eine neue Dimension. Eine neue Situation, die seit 1945 unvorstellbar war, eine Situation, die neues Denken, neuen Geist und vor allem: neues Handeln erfordert.

Besonders perfide ist der neue, aber alte Antisemitismus dort, wo man ihn am wenigsten erwarten würde: an Elite-Universitäten, in Theaterhäusern, in Museen, in vermeintlich kultivierten Kreisen. Ausgerechnet Künstler, Musiker, Maler, Schriftsteller, Schauspieler und Intellektuelle, die angeblich so feinfühligen Sensoren im Kampf gegen das Autoritäre und Intolerante, sind – nicht alle, aber zu viele – zu  eiskalten Opportunisten und Steigbügelhaltern von Geschichtsvergessenheit geworden.

Vielleicht ist es das, was mich an den Reaktionen und Äußerungen so vieler Freunde aus dem Kulturbetrieb am meisten befremdet: die Kälte und die Herzlosigkeit, mit der die Schöngeister dem von Islamismus geprägten Zeitgeist nach dem Mund reden. Wenn man sie fragt, weisen sie das natürlich weit von sich.  Antisemiten seien sie selbstverständlich nicht. Aber Israel werde man ja wohl noch mal kritisieren dürfen. Ganz so, als sei diese Kritik etwas Verbotenes – dabei ist sie Alltag.

Eine ganze Bürokratie beschäftigt sich hauptberuflich mit Gewissensberuhigung.

In Deutschland allein gibt es inzwischen 17 Antisemitismus-Beauftragte, auf nationaler Ebene und auf Ebene der Bundesländer, mit Herrscharen von Mitarbeitern. Eine ganze Bürokratie beschäftigt sich hauptberuflich mit Gewissensberuhigung. Seht her, wie viel wir tun! In der Theorie funktioniert das prächtig, in der Praxis hapert es.

Ein Beispiel: Am 13. April 2026 wurde in Berlin ein Gerichtsurteil im Fall Mustafa A. verkündet, der den Studenten Lahav Shapira brutal zusammengeschlagen hatte. Das Gericht konnte kein antisemitisches Motiv erkennen –  denn der Täter hätte sein Opfer „einfach so“ krankenhausreif geschlagen, antisemitisch aber wäre die Tat nach Auffassung des Gerichts nur dann gewesen, wenn er seinen Judenhass vorher ausdrücklich angekündigt hätte. Als ob Hass ein Formular ausfüllen müsste, bevor er zuschlägt. Dass auf dem Handy von Mustafa A. ein Video gefunden wurde, in dem es heißt: „Musti hat diesen Judenhurensohn totgeschlagen.“, genügte dem Gericht als Indiz nicht.

Lassen Sie uns einfach – als Gedankenexperiment – die Namen und Religionen vertauschen. Wie hätte die Reaktion der Medien ausgesehen? Entsetzen. Skandal. Solidarität mit dem Opfer Mustafa. In Wirklichkeit – mit Shapira als Opfer – nichts. Schweigen.

In Frankreich stiegen im Jahr 2023 die antisemitischen Straftaten um das Vierfache, ein Jahr später machte die Gruppenvergewaltigung eines zwölfjährigen jüdischen Mädchens Schlagzeilen. In England sind Demonstrationen mit antisemitischen Inhalten an der Tagesordnung und vor wenigen Wochen wurden zwei Juden auf offener Straße mit einem Messer angegriffen. Der verbalen Gewalt folgt regelmäßig körperliche Gewalt. Lassen Sie uns realistisch sein: Deutschland, Frankreich oder England sind keine wirklich sicheren Länder für Juden mehr.

Ich denke in diesem Zusammenhang oft an Tommy Lapid. Lapid war Politiker in Israel, zeitweise der einzige Holocaust-Überlebende in der Knesset. Ich traf ihn vor vielen Jahren in Jerusalem und er erzählte mir, warum er Politiker geworden war. Als Kind   –  so berichtete er, bei einem Café auf der Terrasse des King David Hotels – überlebte ich in Ungarn nur knapp eine Mordaktion der Nazis, alle meine Klassenkameraden wurden erschossen, nur mich übersahen sie. In diesem Moment schwor ich mir: Wenn ich das überlebe, will ich alles dafür tun, dass es irgendwo auf der Welt einen Ort gibt, an dem jüdische Kinder sicher sind. Deshalb ging ich nach Israel. Deshalb ging ich in die israelische Politik. Deshalb tat ich alles dafür, dass Israel ein sicherer Hafen für jüdische Kinder ist. Und dann fügte er mit Tränen in den Augen hinzu: „Ich hoffe, er wird sicher sein.“

Theodor Herzl begründete im Jahr 1896 in seinem epochalen Werk „Der Judenstaat” diese Vision – nicht nur für Kinder, sondern für alle Juden. Das war und ist die tiefe Idee des Zionismus: Juden haben das gleiche Recht wie jedes andere Volk, in Selbstbestimmung, in Frieden und Sicherheit in ihrem eigenen Staat zu leben.

Heute ist Zionismus für viele ein Schimpfwort. In England sagen Mitglieder der Grünen Partei – die aufs unseligste Klimaschutz und Judenhass verquickt – „Zionismus ist Rassismus“. Da muss eine Verwechslung vorliegen. Nicht Zionismus ist Rassismus. Sondern Antizionismus ist Rassismus. Zionismus ist die selbstverständlichste Antwort auf zweitausend Jahre Verfolgung, Vertreibung und Völkermord.

Was mir dabei nicht einleuchtet: Warum Zionismus eine Idee und ein Ziel sein soll, das sich nur Juden zu eigen machen. Ich bin Goy. Und ich bin Zionist. Aus vollem Herzen, aus Überzeugung und mit Leidenschaft. Israel ist die einzige nicht perfekte Demokratie in einer Region, die von ziemlich perfekten, also sehr brutalen Diktaturen dominiert wird. Israel ist ein Brückenkopf westlicher Werte im Nahen Osten. Israel ist ein Land des Wissens und der Wissenschaft. Trotz allem ein Land der Freiheit und der Toleranz. Und der selbstbewussten und erfolgreichen Verteidigung  der Werte der Aufklärung. Unserer Werte.

Zionismus ist kein Schimpfwort. Zionismus ist die logische Konsequenz aus der Geschichte. Das Recht eines Volkes, in Sicherheit zu leben. Das Recht, sich selbst zu verteidigen. Das Recht, nicht wieder abhängig zu sein von der Gnade anderer. Wer diese Rechte infrage stellt, stellt nicht nur Israel infrage – sondern die Prinzipien, auf denen freie Gesellschaften beruhen.

Deshalb bin ich Zionist. Und auch  weil ich, als Kind der deutschen Nachkriegs-Generation, möchte, dass Juden nie mehr wieder um ihr Leben fürchten müssen, einfach nur weil sie Juden sind. Ich möchte, dass Juden so wie Christen und Moslems und Buddhisten und Hindus und Nicht-Gläubige grundsätzlich sicher und frei sind. Überall auf der Welt. Und vor allem immer in Israel. Deshalb bin ich Zionist.

Zum ersten Mal habe ich dies vor zwanzig Jahren in einem Gespräch mit dem Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass öffentlich erklärt. Ausgerechnet mit Grass. Dem Lieblingsintellektuellen der deutschen Linken, über den nur wenige Wochen nach unserem Gespräch bekannt wurde, dass er SS-Mitglied war. Ein Nazi. Ein Nazi, der nach dem Ende des Dritten Reiches zur Linken wechselte, als die Linke zum neuen Zeitgeist geworden war. Grass fand mein Zionismus-Bekenntnis natürlich ganz schrecklich. Was mir endgültig zeigte, wie richtig ich liege.

Ob Jude oder Nichtjude: Jeder, dem Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit wirklich etwas bedeuten, muss heute Zionist sein. Jeder, dem an der offenen Gesellschaft und an unserem Lebensstil etwas liegt, sollte sich stolz bekennen. Wir sollten alle Zionisten sein!

Warum aber ist Antizionismus zur neuen Form des Antisemitismus, zum sozusagen politisch korrekten Judenhass geworden? Warum wird Israel so gehasst? Warum dieser Hass auf Juden? Es gibt einige Ursachen und eine besonders schlechte Begründung. Die schlechte Begründung ist der Hinweis, dass Israel nach dem 7. Oktober mit seinen Vergeltungsmaßnahmen in Gaza jedes Maß verloren habe und überhaupt außen- und innenpolitisch sehr zweifelhaft agiere.

Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.

Hat Israels Regierung Fehler gemacht? Ich glaube: Ja, sicher. Viele. Ist das ein Grund antisemitisch zu sein? Absolut nicht. Das ist genauso absurd, als wenn man Putins Angriffskrieg auf die Ukraine damit rechtfertigt, dass in der Ukraine Korruption verbreitet sei. Das eine hat mit dem anderen absolut nichts zu tun. Das wäre so absurd, als wenn man  das amerikanische Volk  hassen würde, nur weil man mit einer Regierung und deren Maßnahmen nicht einverstanden ist. Täglich wird Kritik an Israels Innen- und Außenpolitik geäußert; dies als Grund für mehr oder weniger offenen Antisemitismus anzuführen, ist daher nur eine billige Ausrede. Der Grund und die wahren Ursachen liegen tiefer.

Die wichtigste Ursache ist Neid. Juden haben – trotz aller Verfolgung, trotz aller Pogrome und trotz der Shoah – die westliche Gesellschaft geprägt und bereichert wie niemand sonst. In der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Kultur, in der Medizin, in der Technologie. Im Vergleich zur geringen Größe der jüdischen Gemeinschaft weltweit ist ihr Beitrag zu Fortschritt und Spitzenleistungen in all diesen Bereichen deutlich überproportional. Ist das Philosemitismus, wenn man das feststellt? Nein. Es ist die kulturgeschichtlich naheliegende Konsequenz aus Jahrtausenden der Diskriminierung und Verfolgung. Wer solange systematisch ausgegrenzt und benachteiligt wird, kann nur entweder untergehen oder durch besondere Exzellenz überleben. Erfolg aber bewirkt Neid. Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.

Ich finde, wir dürfen das nicht länger verschweigen. Wir müssen das Narrativ ändern. Die einzig angemessene Reaktion auf Neid ist Stolz. Nur eine selbstbewusste stolze jüdische Identität kann helfen Neid und neuen Antisemitismus zu reduzieren.

Was heißt das konkret? Ich möchte fünf Vorschläge machen.

Erstens: Wir brauchen eine Null-Toleranz-Politik gegenüber offenem Judenhass. Alle Antisemiten in Wort und Tat  – gleich welcher Herkunft – müssen ausgewiesen werden, wo immer das rechtlich möglich ist. Die britische Politikerin und Vorsitzende der Conservative Party Kemi Badenoch hat es klar und mutig formuliert: „Alles, was zu Gewalt gegen Juden aufstachelt … muss weg” Diesen Satz und seine Konsequenzen brauchen wir nicht nur in Großbritannien, sondern in jedem demokratischen Land.

Europa muss jüdischer werden.

Zweitens: Deutschland und Europa sollten eine bevorzugte Immigration und  Einbürgerung für jüdische Familien einführen. In den USA leben etwa 7,7 Millionen Juden. Das sind 2,2 Prozent der Bevölkerung. In der EU und im Vereinigten Königreich sind es etwa eine Million. Das sind 0,2 Prozent und zehnmal weniger als in Amerika. Es ist im europäischen egoistischen Interesse das zu ändern. Es ist mehr als eine Geste. Wenn die Idee von der multikulturellen Gesellschaft ernst genommen werden soll, braucht es in den christlich und zunehmend muslimisch geprägten Gesellschaften Europas heute dringend mehr Vielfalt. Auch um die Toleranz-Behauptungen zu testen, ist es wichtig, die jüdische Kultur sichtbarer zu machen. Europa muss jüdischer werden.

Drittens: Antisemitismus auf den Plattformen der sozialen Medien muss konsequent eingedämmt werden. Vor allem TikTok ist heute eine der gefährlichsten Propagandamaschinen zur Verstärkung extremistischer Inhalte. In China von der Zensur verboten, in westlichen Demokratien auf fast ungebremstem Vormarsch, das mit Abstand einflussreichste Informationsmedium junger Menschen. In den Monaten nach dem Ausbruch des Krieges gab es dort siebzehn Mal soviele propälästinensische Posts wie proisraelische zum Krieg zwischen Hamas und Israel, viele davon unverhohlen antisemitisch. Es dominiert Propaganda voller Verschwörungsmythen, es wimmelt an Aufrufen zur Gewalt und offener Judenhetze. Aber warum geschieht nichts? Warum lassen wir das zu und die durch Algorithmen verstärkte Verbreitung von Inhalten der radikalen Linken und der radikalen Rechten? Jede kleine Lokalzeitung muss juristische Verantwortung übernehmen, wenn sie etwas Falsches oder Rechtswidriges verbreitet hat. Aber TikTok erreicht zwar über zwei Milliarden User, Verantwortung übernehmen muss die Plattform praktisch nicht. In Amerika ist TikTok dazu gezwungen worden, an nicht-chinesische Eigentümer verkauft zu werden. Europa sollte diesem Beispiel folgen. Dass junge Menschen von einem Medium manipuliert werden, das seine Nutzerdaten an den Geheimdienst einer kommunistischen Diktatur weitergeben muss, ist ein makabrer Witz der Geschichte.

Viertens: Wir müssen die Woke-Ideologie als trojanisches Pferd des Antisemitismus und des Islamismus entlarven. Unter dem Deckmantel von „Dekolonisierung“, „Antirassismus“ und „sozialer Gerechtigkeit“ und vor allem des grünen Klimaktivismus wird heute oft purer Judenhass verbreitet. Greta Thunberg kümmert sich kaum noch um die CO2-Bilanz, aber immer leidenschaftlicher um das Schüren antisemitischer Vorurteile. Die Woke-Bewegung ist seit langem von Islamisten unterwandert und geprägt. Sie betreibt die Umwertung aller Werte. Und die Abwertung des Westens. Über Jahrhunderte der Zivilisation galt: erfolgreich ist besser als erfolglos, reich ist besser als arm, schön ist besser als hässlich, stark ist besser als schwach. Woke will uns nun das Gegenteil weismachen und idealisiert die Opfer als neue Helden. Die Macht hat in der woken Gesellschaft der, der bestimmt, wer Opfer ist. Und die toxische Woke-Bewegung hat beschlossen: die Opfer sind die Antisemiten. Deshalb gilt: Be awake against woke! Wo im Namen einer woken Weltordnung „From the river to the sea“ skandiert wird, wo Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, wo jüdische Studenten auf Campusgeländen belästigt und angegriffen werden – dort endet die Aufklärung. Da beginnt die Hölle.

Wir dürfen nicht aufhören, uns zu erinnern.

Und schließlich fünftens und zuletzt: Wir dürfen nicht aufhören, uns zu erinnern. Wir müssen unsere Erinnerung und unser Geschichtswissen an junge Menschen weitergeben. Lernen wir wirklich nur aus der Geschichte, dass wir aus der Geschichte nichts lernen? Ich will das nicht glauben. Reisen in die Vergangenheit sind die beste Vorbereitung auf die Zukunft.

Vor einigen Jahren machte ich eine solche Reise, nach Ostpolen, in eine schreckliche Vergangenheit. Mit einem Freund fuhr ich dorthin, wo früher Galizien war. In das Land der Schtetl. In das Dreiländereck zwischen Polen, Weißrussland und der Ukraine. Und in das Land, in dem unter dem Namen “Aktion Reinhardt“ zwischen August und Oktober 1942  rund 1,3 Millionen Juden ermordet worden sind. Ein Massaker, das weniger bekannt ist, dessen industrialisierte Grausamkeit jedoch der von Auschwitz in nichts nachstand, ja sie vielleicht sogar noch übertraf.

Zuerst suchten wir das Vernichtungslager Sobibor. Wir folgten den Zuggleisen und fanden versteckt in einem dunklen Wald noch die gleichnamige Bahnstation. Und ein Pfad zwischen den Tannen gesäumt mit tausenden Namen der Opfer. Über 200.000 Juden wurden dort – versteckt hinter Bäumen und umgeben von einem Minenfeld – innerhalb weniger Monate aus Zügen, die aus Dutzenden von Güterwaggons bestanden, direkt in die Gaskammern gebracht und ermordet.

Eine Stunde entfernt, immer entlang der Bahngleise, liegt Belzec. Das erste Lager der „Aktion Reinhardt“. Schon früh im Jahr 1942 ging hier eine Gaskammer in Betrieb, zuvor hatte man das industrielle Morden mit Gaswagen geübt und getestet. Das Lager liegt direkt an den Bahngleisen. Das war praktisch. Denn so ging das Töten schneller. Baracken waren nicht nötig.

Was heute bleibt: Eine moderne Gedenkarchitektur aus Beton mit kleinem Museum,  ein Geröllfeld, verbrannte Lavasteine, mit verrosteten Stahlträgern, finanziert vom American Jewish Committee und einigen jüdischen Familien. Eine Frage: Warum beteiligen sich eigentlich so wenige nichtjüdische Spender an der Finanzierung von Holocaust-Gedenkstätten und Gedenken? Ist es wirklich in erster Linie die Verantwortung der Juden, dafür zu sorgen, dass die Taten ihrer Mörder nicht in Vergessenheit geraten?

Die meisten Spuren des schrecklichsten Vernichtungsrausches gibt es noch im Konzentrationslager Majdanek. Direkt am Stadtrand von Lublin gelegen, wurde es im Oktober 1941 zunächst als Arbeitslager für die aus Lublin deportierten Juden eingerichtet. Es bestand bis Juli 1944 und wurde im Laufe der Zeit teilweise zum Vernichtungslager umfunktioniert.

Hier sind die Überreste des Lagers die eigentliche Gedenkstätte. Ganz am Ende steht eine etwas anders aussehende Baracke. Ein Gebäudeteil ist aus Ziegeln gemauert. „Bad und Desinfektion II“ steht in weißer Schrift auf einer Schiefertafel. Wir sind angekommen in der wahrscheinlich einzigen noch erhaltenen Gaskammer, in der während des Holocaust Abertausende Juden ermordet wurden.

Es ist ein widersprüchliches Gefühl. Wir wollten diesen Ort unbedingt sehen, wir sind deshalb hierhergefahren, und doch zögern wir, einzutreten. Dann sind wir plötzlich im Vorraum. Hier mussten die Gefangenen sich ausziehen. Im nächsten Raum sind an langen Zinkrohren Duschköpfe an der Decke montiert. Ängstlich blicken selbst heute die Besucher nach oben. Doch aus diesen Brausen strömte kein Gas, sondern wirklich Wasser. Erst der nächste Abschnitt ist dann die tatsächliche Gaskammer. Ein enger Raum wie ein Schuhkarton. Die Banalität des Bösen aus Beton. An der Vorder- und Rückseite je eine dicke rotgerostete Eisentür, eine Aufschrift deutet auf den Hersteller hin, die Auert Werke in Berlin. Grauer Zement. An den Wänden blaue Ablagerungen, wohl von der Chemie des Gases. Der ganze Raum schillert blau, grau und braun. Ein Dreckloch. In den Türen verglaste Öffnungen, Gaskammer-Spione, damit die Wächter den schreienden und zuckenden Opfern beim qualvollen Sterben zugucken konnten.

Wir sind am Tiefpunkt menschlicher Zivilisation angekommen. Mehr Menschenverachtung, Hass und Grausamkeit sind nicht denkbar. Tiefer kann der Mensch nicht fallen. Diese Gaskammer ist das quintessentielle Mahnmal. Es ist leise hier. Ich höre den Sommerwind draußen in die Blätter der Bäume fahren. Und ich stelle mir vor, wie die Schreie der Sterbenden ins Lager drangen und immer mehr Menschen in Angst, in Todesangst versetzen. Und während ich im Türrahmen der Gaskammer stehe, höre ich auf zu denken und spüre nur noch etwas übermächtiges: Übelkeit.

Antisemitismus ist nicht nur ein existenzielles Problem der jüdischen Gemeinschaft. Er ist ein existenzielles Problem der Menschheit.

Was also können wir aus der Geschichte lernen? Natürlich: wehret den Anfängen! Natürlich: nie darf das Individuum sich hinter dem Kollektiv verstecken, wenn es um Recht und Unrecht und Menschlichkeit und Unmenschlichkeit  geht. Ich glaube aber auch folgendes sollten wir lernen: Antisemitismus ist nicht nur ein existenzielles Problem der jüdischen Gemeinschaft. Er ist ein existenzielles Problem der Menschheit.

Im Antisemitismus hasst und beneidet der Westen sich selbst. Wenn der Westen – natürlich nicht geografisch definiert, sondern als die freie Welt – wenn dieser Westen den Antisemitismus nicht besiegt, wird er sich selbst zerstören.

Deutschlands Holocaust hat zwischen 1933 und 1945 sechs Millionen Menschen ermordet – und damit der Nation das moralische und geistige Rückgrat gebrochen. Bis heute ist mein Land in vielerlei Hinsicht ein gebrochenes Land: ohne gesunden Patriotismus, ohne echten Leistungs- und Exzellenzwillen, gefangen in einer ewigen Schuld- und Bußkultur – ohne, und das ist tragisch, ohne Folgen für die Gegenwart.

Aber heute geht es nicht mehr nur um Deutschland. Heute geht es um die gesamte freie Weit, die sich das Deutschland  von damals als mahnendes negatives Beispiel nehmen sollte. Der Islamismus ist die größe Bedrohung unserer Zeit. Islamistischer Terror im Namen einer missbrauchten Religion. Unsere  Passivität im Umgang damit könnte unser fatalster Fehler sein. Die freie Welt wird nur frei bleiben, wenn sie  aufwacht. Wenn sie den Mut findet, ihren eigenen Werten treu zu bleiben. Wenn sie den Neid, den Hass und den Selbsthass bekämpft. Und das ist vor allem eine Aufgabe für alle Nichtjuden. Ich wende mich heute vornehmlich an die Nicht-Juden. Es ist in unserem gemeinsamen Interesse Antisemitismus wirksam zu bekämpfen. Und wer dies nicht aus Altruismus tun möchte, sollte es zumindest aus Egoismus tun, aus vernünftigem Eigeninteresse.

Deshalb möchte ich meine Ausführungen mit der Überzeugung beenden, dass Patriotismus und Zionismus Geschwister sind. Verbündete des Zionismus, die nicht patriotisch in ihrem eigenen Land sind, sind falsche Freunde. Kann es deshalb deutsche Zionisten geben? Ich meine ja. Es sind vielleicht diejenigen – wenigen – die erkannt haben, dass wir unserer tragischen und traurigen und, ja, ich finde auch erbärmlichen, neueren Geschichte, noch eine andere Wendung geben können. Eine Wendung ins kraftvoll Demokratische, eine Wendung zu echter Freiheit, eine Wendung hin zu echter Toleranz. In dem Bewusstsein, dass echte Toleranz niemals – nie wieder – tolerant gegenüber der Intoleranz sein darf.

Wir alle sollten Zionisten sein!

 

Hintergrund: Axel Springer und das Existenzrecht Israels 

Die Unterstützung des Existenzrechts Israels gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Grundüberzeugungen des Medienhauses Axel Springer. Bereits in den 1960er-Jahren formulierte Verlagsgründer Axel Springer seine publizistischen Unternehmensgrundsätze. Dazu gehörten die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden, die Unterstützung des Existenzrechts Israels, das Eintreten für die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit sowie die Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Ordnung.

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar beschreibt Springers proisraelische Haltung als ein persönliches Anliegen, das zu einem zentralen Bestandteil seiner publizistischen Identität wurde. Gerade deshalb entwickelte sich Axel Springer seit den späten 1960er-Jahren zum politischen Feindbild großer Teile der außerparlamentarischen Linken. Der Streit um Israel wurde damit zugleich zu einem Streit über das Selbstverständnis der Bundesrepublik nach dem Holocaust.

Die Unterstützung des Existenzrechts Israels ist bis heute Bestandteil der Unternehmenswerte von Axel Springer und gehört zu den sogenannten Essentials, die für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit gelten.

Videomitschnitt der Rede

 

Mathias Döpfner

Mathias Döpfner ist Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE. Foto: Max Threlfall

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