Lob des Publikums. Und der Struktur?

Autor: Peter Sprong
Photograph by Robert Knudsen, White House, in the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Wie versprochen geht es an dieser Stelle in loser Folge weiter mit Anmerkungen zu den Redenschreiber-Tipps von Sarah Hurwitz, der ehemaligen Redenschreiberin der beiden Obamas. Sie wurden im November in der deutschsprachigen „Vogue“ veröffentlicht. In ihrem zweiten Tipp beschäftigt sie sich mit der Rolle des Publikums und mit der Bedeutung der Struktur für eine gelungene Rede. Dabei trifft sie mehr als einmal den Nagel auf den Kopf. Aber: Zu beiden Aspekten gibt es noch mehr zu sagen als Sarah Hutwitz verrät – wie nicht zuletzt ein Blick zurück auf eine der berühmtesten Reden der Weltgeschichte zeigt.

In Ihrem zweiten Tipp für Reden schreibende Kolleginnen und Kollegen beschäftigt sich Sarah Hurwitz mit der notwendigen Fokussierung auf die Erwartungen des Publikums:„Analysieren und verstehen Sie Ihr Publikum“, rät sie. Es gelte genau heraus zu finden, wer der Adressat sei, was die Menschen bewege und unter welchen Umstände genau die Rede gehalten werde.

Natürlich ist das absolut korrekt! Und es ist vielleicht sogar der wichtigste Punkt überhaupt: Immer vom Publikum aus denken und schreiben! Aber ähnlich wie bei Tipp Nummer Eins (siehe vorangegangenen Post in diesem Blog) gibt es auch bei diesem Thema (mindestens) zwei Ebenen.

Unbewusste Bedürfnisse

Ebene Eins wird hier explizit angesprochen: Das Publikum verstehen im Sinne von „etwas über die Menschen wissen, die zuhören“. Es geht um handfeste Informationen, damit die Rede nicht an den konkreten Fragen und Interessen der Leute vorbei zielt und damit der Redner/die Rednerin nicht in bereitstehende Fettnäpfchen tritt. Also: Investoren erwaten eine überzeugende Story zur Zukunft des Unternehmens, ein Konzept für die nächsten Jahre. Dasselbe gilt für Mitarbeiter, die bei einer Führungskräftetagung zuhören. Auch sie wollen wissen, wie es der Firma geht und erwarten dazu von ihrem Chef oder ihrer Chefin handfeste Zahlen.

Alles richtig und wichtig. Noch wichtiger aber ist Ebene Zwei, die dahinter liegt und von Sarah Hurwitz nur implizit angesprochen wird, wenn sie die Redenschreiber auffordert, sie sollten mit Blick auf die Zuhörer auch fragen: „Was besorgt Sie“? In der Tat geht es vor allem darum. Denn die Menschen, die der Rede zuhören, erwarten nicht nur Informationen. Sie haben weit darüber hinausgehende Bedürfnisse, die sie – meist unbewusst – an Redner*innen herantragen: Sie erwarten Trost, Zuspruch, Hoffnung, Empathie… Die letzte Folge dieser kleinen Reihe kommt darauf noch einmal zurück!

Wieviel Ordnung muss sein?

Bis dahin noch ein Blick auf Tipp Nummer Drei der Obama-Regenschreiberin. Er lautet: „Achten Sie genau auf die Struktur (sie bestimmt die Wirksamkeit).“ Mit einer schlechten Struktur, sagt Hurwitz, kann man keine gute Rede halten. Stattdessen müsse jeder Absatz logisch von einem in den nächsten übergehen.

Daran allerdings sind Zweifel erlaubt. Natürlich, sofern  Sarah Hurwitz hier meint: Die Teile einer Rede dürfen nicht wie „Kraut und Rüben“ durcheinander gewürfelt sein; sofern sie meint: Es sollte eine Art von rotem Faden geben; und sofern Sie meint, dass man eine Rede nicht mit der Schlussformel beginnen sollte, hat Sie Recht.

Aber schon beim Gedanken an die Zusammenfassung oder an den Appell, den man gewöhnlich ans Ende setzt, ließe sich fragen: Kann der nicht auch am Anfang stehen? „Sehr geehrte Damen und Herren, ich will, dass Sie von heute an die Art und Weise ändern, wie Sie für dieses Unternehmen arbeiten. Ich will, dass Sie Ihre Arbeit gerne tun. Und ich will, dass wir nächstes Jahr um diese Zeit zu den Top Drei unserer Branche gehören.“ So kann eine Rede aufhören. Aber so kann sie auch anfangen. Warum nicht mal mit der Tür ins Haus fallen?

Erfolg gibt es nicht auf Rezept

Das Problem mit den vermeintlich unumstößlichen Regeln ist nicht neu. Seit den Anfängen der Rhetorik auf Sizilien und in Athen gibt es Menschen, die mit dem Schreiben von Reden Geld verdienen. Ursprünglich ging es darum, mit Hilfe einer guten Rede vor Gericht zu punkten. Hatte jemand damit Erfolg, wollten die anderen wissen: Auf welche Weise ist das gelungen? Deshalb (und nur deshalb) gaben sich die Logographen größte Mühe, ein reproduzierbares Muster zu entwickeln, das man wiederum andere – gegen Geld – lehren konnte. Und schon damals musste man, um darin erfolgreich zu sein, Rezepte verkaufen. Nach dem Muster: Wenn Du dies tust und jenes lässt, dann hast Du Erfolg.

Tatsache aber ist: Das funktioniert nicht einmal in der Küche. Man macht alles genau so, wie es im Rezept steht und trotzdem missrät der Kuchen. Das Ganze ist so gut wie immer mehr als die Summe seiner Teile. Und wäre es anders, wären fast alle Menschen in fast allen Dingen des Lebens fast überall fast immer erfolgreich.

Und ja: Es gibt seit der Antike Vorschläge für den strukturellen Aufbau einer Rede. Ebenso wie es Vorschläge für die Struktur eines klassischen Dramas (drei oder fünf Akte), eines guten Romans (Entwicklungs- oder Bildungsweg) oder eines spannenden Drehbuchs (Heldenreise) gibt. Und ja: Es spricht überhaupt nichts dagegen, wenn Redenschreiber*innen versuchen , auch ihre Reden nach einem dieser „Strickmuster“ anzufertigen. Es kann und wird in vielen Fällen eine positive Wirkung haben.

Aber: Es ist keine notwendige Bedingung. Schon gar nicht eine hinreichende. Eine Rede mag eine dramaturgisch perfekte Struktur haben und dennoch ihr Ziel verfehlen. Vor allem aber lässt sich eine Rede auch gänzlich ohne Struktur im strengen Sinne halten – und kann dennoch höchst erfolgreich sein.

Legendär ohne strenge Logik: Rhetorik-Meister Kennedy

Der Blick zurück in die Rhetorik-Geschichte zeigt das: Die berühmte Rede von John F. Kennedy „Ich bin ein Berliner“ zum Beispiel. Man schaue sich die Struktur dieser Rede an – und wird keine finden! Schon gar nicht wird man sagen können, dass da jeder Absatz logisch in den anderen übergeht. Kennedy spricht eben noch über General Clay, im nächsten Moment zitiert er die Römer („two thausand years ago“). Dann fällt der berühmte Satz. Weiter geht es danach mit der Bemerkung, dass viele Menschen den Unterschied zwischen West und Ost nicht verstehen. Dann wieder spricht er von der Mauer, um im nächsten Satz auf die eigenen Landsleute zu sprechen zu kommen.

Und trotzdem hat das alles einen Zusammenhang. Einen inneren. Aber nicht: einen logischen! Eine Rede ist keine Bedienungsanleitung, bei der man Schritt Drei nicht versteht, wenn man Schritt Eins nicht verstanden hat. Es geht nicht darum, Bausteine in vorgefertigten Schubladen möglichst passgenau unterzubringen. Es geht darum, schreibend, einem Gedanken oder auch einem Gefühl auf die Schliche zu kommen, so dass Menschen mit auf die Reise gehen.

Dazu kommt es auf eine gewissen erzählerischen Sog an – nicht auf eine vermeintlich „richtige“ Struktur.

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Jacqueline Schäfer
    4. Januar 2021 12:09

    Sehr richtig! Strukturmodelle können sehr hilfreich sein, aber sie sind nicht zwingend, um einen Redeauftritt zum Erfolg werden zu lassen. Gerade spontan und frei gehaltene Reden lassen oftmals eine klassische Struktur vermissen, reißen das Publikum aber durch Sprachbilder, Leidenschaft des Redners oder der Rednerin und durch die Dynamik des Augenblicks mit. Wie überall im Leben gilt auch hier: Zuviel Dogmatik in die eine oder andere Richtung bremst nur.

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