„Kill Your Darlings“

Autor*in: Peter Sprong
Foto: CDU / Tobias Koch

Sie erinnern sich? Sarah Hurwitz, eine der ehemaligen Redenschreiber*innen für Michelle und Barack Obama, hat im Herbst 2020 in der Zeitschrift „Vogue“ elf Tipps für das Redenschreiben veröffentlicht. An dieser Stelle kommentiere ich sie in loser Folge. Im vorletzten Teil geht es um die Tipps vier bis sechs der Profi-Schreiberin. Und wie schon bei den anderen Teilen zeigt sich: So klar man manches unterschreiben kann – einige Ratschläge sind zumindest missverständlich.

Ganz klar zu befürworten ist der vierte Rat von Sarah Hurwitz: „Holen Sie sich unterschiedliche Meinungen ein!“ Sie schreibt: „Es ist sehr wichtig, andere Menschen zu bitten, sich Ihre Rede anzusehen – so viele wie möglich. Vor allem, wenn Sie zu einer Gemeinschaft sprechen, die Sie nicht gut kennen. Sie müssen aus dem Publikum jemanden finden, der dessen kulturelle Sensibilitäten und Normen versteht. So sprechen Sie auf eine Weise, die die Menschen inspiriert und nicht beleidigt.”

Dem ist nichts hinzuzufügen! Man kann selbst nicht alle Konnotationen mitdenken und -empfinden, die andere möglicherweise haben, wenn sie die Rede hören. Insofern: Ja, setzen Sie sich und Ihre Rede  vorab möglicher Kritik aus. Für Profi-Redenschreiber*innen bedeutet das, sofern sie für Politiker*innen schreiben: Versuchen Sie ein Feedback aus der Wählerschaft zu bekommen; am besten vom Nachbarn oder der Arbeitskollegin, möglicherweise auch von Angehörigen des Parlaments oder wichtiger Teilöffentlichkeiten. Und für diejenigen, die für Menschen aus der Wirtschaft schreiben: Fragen Sie Mitarbeiter*innen nach ihrer Meinung, Kunden oder Anteilseigner.

Aber, der Ehrlichkeit halber muss man auch sagen: Leicht ist das in der Praxis nicht. Im einen wie im anderen Fall ist die vorzubereitende Rede nicht selten eine geheime Verschluss-Sache. Und damit geht man nicht hausieren. Das engt den Kreis der Vorfeld-Tester*innen doch ziemlich ein. Trotzdem: einen Versuch ist es wert!

Schreibsprache und Sprechsprache

An fünfter Stelle empfiehlt die Obama-Vertraute: „Schreiben, um gelesen zu werden, und Schreiben, um gehört zu werden, sind zwei sehr unterschiedliche Fähigkeiten. Die gesprochene Sprache muss nicht den Grammatik- und Interpunktions-Normen entsprechen. Angesichts dessen sollten Sie während des Editierens laut vor sich hinreden. Starren Sie nicht nur auf Ihren Computerbildschirm. Drucken Sie die Rede aus, üben Sie den Vortrag und bearbeiten Sie sie währenddessen.”

Genau so sollten Sie es machen! Allerdings kommt hier wieder der Aspekt „Stimme“ ins Spiele, der schon in Folge Eins eine Rolle spielte. Was Sie laut lesen und was für Ihre eigenen Ohren gut klingt, das klingt vielleicht weit weniger gut, wenn ein anderer Redner oder eine andere Rednerin denselben Text spricht. Das kann an ihrem oder seinem Dialekt liegen; am Unvermögen längere Sätze reibungslos zu sprechen. Auch gibt es oft Schwierigkeiten, weil sich der Redner oder die Rednerin während des Redens innerlich nicht wirklich mit der Bedeutung der Worte verbindet.

Dann leidet automatisch der stimmliche Ausdruck. Betonungen, die Sie ganz automatisch setzen, weil zum Beispiel  ein Wort von etwas besonders Wichtigem handelt,  fallen dann auf einmal unter den Tisch. Also: Versuchen Sie beim Laut-Lesen so zu lesen, wie „Ihr“ Redner oder Ihre Rednerin liest!

Nicht nur zuhören, auch mal widersprechen! 

Tipp Nummer Sechs von Sarah Hurwitz lautet: „Gutes Zuhören ist der Schlüssel zu gutem Reden.“ Was sie damit meint, erläutert Hurwitz in Erinnerung an ihre Zusammenarbeit mit Michelle Obama: „Sie gab mir hunderte Male Feedback, das letztlich mein Schreiben beeinflusst hat. Meine Entwürfe waren immer übersät von ihren handschriftlichen Anmerkungen und ich habe aus diesen Bemerkungen gelernt. Während ich schreibe, höre ich ihre Stimme in meinem Kopf, die etwa sagt: ‘Dieser Teil verzettelt sich in Details; wir verfehlen den Herzschlag; wir verfehlen die wirkliche menschliche Seite dieses Themas.’ Verfeinern Sie Ihre Fähigkeit, die schwächsten Teile, die nicht funktionieren, zu identifizieren.”

Hier hat offenbar die Redenschreiberin mehr von der Rednerin gelernt als andersherum. Glückwunsch! Schön, wenn das so ist! Häufig ist es aber genau andersherum. Anmerkungen am Rand sind nicht zwangsläufig ein Feedback, das auf den richtigen Weg führt. Und sofern Sie das nicht sind, bestehen Kunst und Qualität des Redenschreibers weniger darin, geduldig zuzuhören als wirkungsvoll zu widersprechen. Wer professionell Reden für andere schreibt, sollte auch mal selbstbewusst auftreten und Rat geben können. Redenschreiber*innen  sind immer auch Berater*innen und Sparringspartner*nnen.

Die Stimme im Kopf ist gut und hilfreich, sofern sie die richtigen Dinge fragt. Aber sie kann zur störenden Schere im Kopf werden: wenn es Dinge sind, die uns in der Freiheit beschränken, die Worte fließen und für sich selbst arbeiten zu lassen. Es ist zum Beispiel nicht automatisch eine „Verzettelung“ in Details, wenn mal mehr als drei in einer Reihe genannt werden. Und die Übergänge müssen durchaus nicht nahtlos sein, um zu funktionieren (siehe dazu Folge 2).

Vom Kapitol zum Bergwerk

Zuletzt hat das Armin Laschet mit seiner überzeugenden Rede beim CDU-Parteitag gezeigt, mit der er sich gegen Friedrich Merz durchsetzen konnte. Bei ihm folgen zum Beispiel diese beiden Sätze aufeinander. Zuerst, als Abschluss einiger Bemerkungen zu den Unruhen rund um das Kapitol in Washington: „Amerika war doch für uns immer das Symbol für Freiheit und Demokratie.“ Und dann, nach einer Pause, der Satz: „Mein Vater war Bergmann.“ Was das eine mit dem anderen zu tun hat, erfährt man erst einige Minuten später – dafür aber umso wirkungsvoller!

Prinzipiell richtig indes bleibt die von Hurwitz angesprochene Weisheit der Drehbuchschreiber*innen, die auch für Redenschreiber*innen gilt: „Kill your darlings.“ Gerade das, was beim Schreiben besonderen Spaß gemacht hat, kann für die Zuhörer*innen ein Stolperstein sein. Wenn sich beim Ausprobieren (siehe oben) herausstellt, dass das so ist, heißt es Abschied nehmen – auch, wenn’s weh tut!

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Jacqueline Schäfer
    28. Januar 2021 9:36

    „Wer professionell Reden für andere schreibt, sollte auch mal selbstbewusst auftreten und Rat geben können. Redenschreiber*innen sind immer auch Berater*innen und Sparringspartner*nnen.“ – Richtig! In den letzten 5 bis 10 Jahren hat sich unsere Art zu kommunizieren massiv verändert, nicht zuletzt durch die Digitalisierung. Es reicht nicht mehr, lediglich ein Manuskript abzuliefern. Umfassende Beratung – von Auftritt bis Zielgruppenansprache – wird immer mehr gefragt oder sollte aktiv angeboten werden.

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