Ist das noch unsere Heimat?

Der Gaza-Konflikt im Mai 2021, den die Hamas durch massiven Raketenbeschuss auf die israelische Zivilbevölkerung ausgelöst hatte, wurde in Deutschland von übelsten antisemitischen Ausschreitungen und einer Flut von Hassbotschaften in den sozialen Medien begleitet. „Scheiß Juden“ skandierte ein pro-palästinensischer Mob vor einer Synagoge in Gelsenkirchen. Angesichts dessen erhob sich in zahlreichen Städten eine Welle von Solidaritätskundgebungen für Israel, die jedoch unter großem Polizeischutz stattfinden mussten. In welcher zwiespältigen Lage sich die jüdische Gemeinschaft befindet, brachte Michael Rubinstein, Direktor der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, in einer bemerkenswerten Rede zum Ausdruck.

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verbänden, Kirchen, Religionsgemeinschaften, Kommune und Gesellschaft, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde.

Ich überbringe Ihnen die besten Grüße und ein herzliches Dankeschön des Vorstands sowie des Gemeinderates der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf für Ihr heutiges Kommen als Zeichen der Solidarität für den Staat Israel und als sicht- und hörbares Zeichen gegen jeden Antisemitismus.

Für uns als Jüdische Gemeinde, als hiesige jüdische Gemeinschaft, ist diese Kundgebung Grund für Freude, Wut und tiefe Verunsicherung gleichzeitig. Auch ich persönlich hätte mir einen wesentlich erfreulicheren ersten öffentlichen Auftritt als Gemeindedirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf gewünscht. 

Was Israel in den letzten Tagen und Wochen erlebt hat, bedeutet selbst für seine jahrzehntelang Konflikt- und Kriegserprobte Bevölkerung eine neue Dimension der eskalierenden Gewalt und Bedrohung von Innen und Außen. Es ist kein Krieg, sondern schlicht und ergreifend Terrorismus. Und um es noch deutlicher zu sagen: von der Führung angeordneter Terrorismus. Mit einem einzigen Ziel: Angst und Schrecken zu verbreiten, wahllos so viele Israelis wie möglich zu verletzen oder zu töten. 

Statt mit Bomben zu werfen, sollte sich die Bewohner von Gaza um ihr eigenes Land und die eigenen terroristischen Herrscher kümmern. 2005 hat die Regierung Ariel Scharon Gaza und die Siedlungen dort geräumt. Gaza ist ein großartiges Stück Land mit einem 6 km breitem Strand. Mit dem Geld, dass die palästinensischen Behörden seitdem von der EU und damit auch von Deutschland bekommen haben, hätten sie Ferienanlagen, Hotels, Flughäfen und Unternehmen gründen können. Stattdessen benutzt man das Geld, um Tunnel zu bauen und den Feind zu bombardieren.

Schreiende Ungerechtigkeit

Die Welt schaut diesem barbarischen Treiben tatenlos zu. Kein anderes Land steht so häufig auf der Agenda der Vereinten Nationen wie Israel. Gegen kein Land werden so viele Resolutionen angestrebt wie gegen Israel. Und wie verhält sich Deutschland dabei? Deutschland stimmt regelmäßig gegen Israel. Eine sehr eigenwillige Auslegung der oft so gerne zitierten deutschen Staatsräson. Und wir fragen uns: wo bleibt jetzt die UN-Resolution für Israel, für all seine Menschen, die durch den unerbittlichen Raketenhagel der letzten Tage um ihr Leben fürchten und in Bunker flüchten mussten? Für all die Kinder und Jugendliche, die dadurch dauerhaft traumatisiert werden. Ein weiterer bitter Schluck aus der sich nie leerenden Pulle der schreienden Ungerechtigkeit im Umgang der Weltgemeinschaft mit Israel.  

Wir Jüdinnen und Juden stehen zu Israel, aber – und das ist ganz wichtig – wir sind nicht verantwortlich für die Politik der israelischen Regierung. Wir sind nicht die Repräsentanten des Staates Israel. Die Israel-Hasser, und das sind nicht ausschließlich Muslime, sondern auch viele deutsche Gutmenschen, projizieren ihren Hass gegen Israel auf uns Jüdinnen und Juden in Deutschland und der Welt. Leider sind sie auch gegen Argumente immun – dagegen wurde leider noch kein Impfmittel gefunden.

Hunderte Israelfreunde besuchten die von ein Einsatzkräften der Polizei gesicherte Solidaritätskundgebung vor dem Düsseldorfer Landtag am 21. Mai 2021, auf der zahlreiche Persönlichkeiten aus der Stadtgesellschaft und NRW-Landespolitik sprachen. Für Michael Rubinstein war es die erste öffentliche Rede als neuer Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Ein Scherbenhaufen

Was wir in den letzten Tagen und Wochen in ganz Deutschland erleben mussten, führt uns, aber eben nicht ausschließlich uns Jüdinnen und Juden in diesem Land, mehr als deutlich vor Augen, dass Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen. Wir als jüdische Gemeinschaft, die bereits kurz nach dem Ende der Shoah wieder neue Gemeinden in diesem Land gegründet haben, Jüdinnen und Juden, die im Laufe der Jahrzehnte zuerst angekommen und dann ihr zuhause gefunden haben, Familien gründeten und ein vielfältiges vitales jüdisches Leben geschaffen haben – wir stehen heute vor einem Scherbenhaufen. Und wir stellen uns die Frage: ist das noch unsere Heimat, das Land, in dem unsere Kinder und Enkelkinder sicher als selbstbewusste Juden leben werden können? 

Wir haben in den letzten Jahrzehnten hingenommen, dass jüdisches Leben immer stärker gesichert werden muss. Wir haben uns geradezu daran gewöhnt, bewacht von der Polizei in unsere Gemeindezentren, Synagogen und Einrichtungen zu gehen, wo uns als Erstes hohe Sicherheitsmaßnahmen und das eigene Wachpersonal erwartet.  Trotz all unserer Bemühungen um Integrität, Normalität und dem Anspruch, fester Bestandteil unserer Stadtgesellschaft zu sein.    

Wir erleben einen Judenhass, der in diesem Land tief verwurzelt ist, nun von einer neuen Seite. Ein Antisemitismus, der als vermeintliche Israel-Kritik verkleidet ist. „Das wird man doch noch sagen dürfen, oder? Aber: gibt es die Wörter China-Kritik, Iran-Kritik, Katar-Kritik? Nein.

Ich stünde heute nicht hier vor Ihnen, wenn es Israel nicht gegeben hätte.

„Scheiß Juden“ – ist jedoch keine Kritik gegen Israel – es ist blanker Antisemitismus. Wer Israel-Fahnen verbrennt, beleidigt auch uns hier lebenden deutschen Juden. Wo wären viele von uns, wenn es Israel nicht geben würde? Wir Juden wissen – Deutschland ist unsere Heimat, aber Israel ist das Zuhause aller Juden in der Welt. Ein Zufluchtsort, der unseren Großeltern im Dritten Reich das Leben gerettet hat. Meine Großeltern konnten sich von hier nach Palästina, damals noch unter englischem Mandat, retten. Ich stünde heute nicht hier vor Ihnen, wenn es Israel nicht gegeben hätte.

Auf den Kundgebungen der Palästinenser sehen wir Schilder mit Hakenkreuzen. In den Tagesthemen musste ich mir Sätze anhören wie: „schade dass Hitler euch nicht alle geschafft hat ins Gas zu schicken“. Wer einen Molotow-Cocktail gegen eine Synagoge schmeißt, verübt eine antisemitische Tat. Was urteilt das Gericht? Die Tat sei politisch motiviert. Vor der Synagoge in Gelsenkirchen rufen Fanatiker „Scheiß Juden“! Was ist passiert? Gar nichts. Auch hier hat die Polizei zugesehen. Die „Aktivisten“, wie sie die Medien genannt haben, dürfen Bürger dieses Landes weiter beleidigen und diffamieren. Und wogegen demonstrieren diese Leute eigentlich? Gegen Juden? Gegen ihren Status als ererbte Flüchtlinge? Oder, dagegen, dass ein Land sich gegen die Bombardierung der eigenen Bevölkerung wehrt?

Antisemitismus und Judenhass ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – es gibt ihn nicht nur auf muslimischer Seite. Kaum einer von uns trägt noch eine Kette mit einem Davidstern, aus Angst, angegriffen zu werden. Kaum einer trägt noch eine Kippa in der Öffentlichkeit. Vielleicht heute, aus Solidarität, aber würden Sie sich das auch in der Straßenbahn trauen? 

Unser gemeinsames Land

Wenn auf den Schulhöfen „Du Jude“ gerufen wird, muss mit den Kindern darüber gesprochen werden. Warum werden nur unsere Kinder dazu befragt, etwas über ihre Familien im Holocaust zu erzählen? Warum müssen nie nicht-jüdische Kinder in ihren Familien recherchieren, welche Erfahrungen ihre Familien im Dritten Reich gemacht haben. Dies ist unser gemeinsames Land – unsere Eltern habe es nach dem Krieg gemeinsam aufgebaut und wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass es ein demokratisches, sicheres Land bleibt.

Es ist traurig, immer und immer wieder erwähnen zu müssen: Wir sind deutsche Staatsbürger – genau wie alle anderen hier auch. Manche von uns haben seit vielen Generationen ihre Wurzeln in diesem Land – das kann nicht jeder von sich behaupten. Wie sind keine MITbürger und wir sind nicht DIE JUDEN.

Wir sind nicht geduldet und wir wollen auch nicht TOLERIERT werden. Toleranz bedeutet, Andersartige zu akzeptieren. Wir sind nicht anders! Und wir sind auch nicht dankbar dafür, toleriert zu werden. Vielmehr tolerieren wir nicht mehr ein „Nie wieder!“. Wir tolerieren nicht mehr ein „Wehret den Anfängen!“. Und wir tolerieren nicht mehr „Integration“. Denn wir müssen eben nicht integriert werden.

Wir feiern in diesem Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – und wir stehen hier und müssen uns verteidigen? Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Antisemiten – Sie können noch so schreien, diffamieren und Lügen verbreiten – dies war, ist und bleibt unser Zuhause, unsere Heimat, unser Land!

In diesem Sinne

Schabbath Schalom

 

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Michael Rubinstein

https://jgd.de

Michael Rubinstein ist Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Jacqueline Schäfer
    23. Juni 2021 11:55

    Deutschland ist Heimat für Juden. Dies zu zeigen und zu erhalten ist Aufgabe aller nicht-jüdischen Deutschen.

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