Inspiration für Generationen: Die Nobelpreisrede der Iranerin Shirin Ebadi

Shirin Ebadi vor dem Osloer Rathaus, wo ihr am am 10. Dezember 2003 der Friedensnobelpreis überreicht wurde. Sie wurde bei der Ankunft von 4.000 Kindern begrüßt. © Pressens Bild AB 2003, S-112 88 Stockholm, Schweden, Foto: Odd Andersen

Shirin Ebadi ist eine der wichtigsten Stimmen der iranischen Frauenbewegung und eine Vorkämpferin der aktuellen iranischen Frauenproteste. Am 10. Dezember 2003 erhielt die iranische Juristin den Friedensnobelpreis für ihre unermüdlichen Bemühungen um Demokratie und Menschenrechte. 

In ihrer Dankesrede in Oslo sagte Shirin Ebadi, indem sie als erste muslimische Frau den Friedenspreis erhalte, würden gleichzeitig Millionen anderer Iraner inspiriert werden. Sie bekämendie Hoffnung, in ihren Bestrebungen um die Verwirklichung der Menschenrechte und der Errichtung der Demokratie auf die Unterstützung der internationalen zivilisierten Gesellschaft zählen zu können. Es ist ein trauriger Fakt, dass die Iraner heute immer noch darauf angewiesen sind. 

Sie merkte an, dass die Diskriminierung von Frauen nicht im Islam begründet sei, sondern in einer patriarchalisch dominierten Kultur. Das ist auch der Grund, warum die Revolution im Iran weiblich ist. Die Frauen sind es, die dieses Regime bezwingen können – gleichberechtigt und mit Unterstützung der iranischen Männer und mithilfe der restlichen Welt. 

Den Preis nahm Shirin Ebadi damals ohne Kopftuch entgegen und setzte damit ein Zeichen.

Shirin Ebadi bei ihrer Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises 2003 im Rathaus von Oslo. © Knudsens fotosenter/Dextra Photo, Norsk Teknisk Museum.

 

Die Nobelpreisträgerin war von 1975 bis 1979 eine der ersten Richterinnen in der Geschichte des Irans und hatte einen Senatsvorsitz im Teheraner Stadtgericht. Nach der Islamischen Revolution 1979 wurde sie aus dem Amt getrieben und arbeitete zunächst als Sekretärin bei dem Gerichtshof, den sie vorher leitete. Später übernahm sie als Anwältin Fälle von liberalen Personen und Dissidenten. Ein prominenter Fall von ihr war die Vertretung der Familie von Dariusch Foruhar, ein Intellektueller, dessen Familie in seinem Haus erstochen wurde. Wegen ihrer Tätigkeit als Verteidigerin wurde Shirin Ebadi selbst angeklagt. Sie war kurzzeitig in Einzelhaft und hatte ein zeitlich begrenztes Berufsverbot. 

Das von Shirin Ebadi mitgegründete Zentrum für Menschenrechte wurde vom iranischen Innenministerium verboten. Ende November 2009 wurde ihr Bankschließfach von iranischen Behörden beschlagnahmt – inklusive der Friedensnobelpreismedaille und der Urkunde. Seit Ende 2009 lebt Shirin Ebadi nun im Exil in Großbritannien.

Für ihren Einsatz erhielt sie neben dem Friedensnobelpreis weitere Auszeichnungen und verfasste zwei Bücher.

Shirin Ebadi war eine Vorreiterin im Kampf gegen das Mullah-Regime im Iran und inspirierte viele Iranerinnen auch in Deutschland, sich für ihr Heimatland einzusetzen. Eine dieser Frauen ist die Journalistin, Kriegsberichterstatterin und Filmemacherin Düzen Tekkal, die mit ihrer Organisation Háwar.help die Iran-Revolution sichtbar macht. Eine weitere Aktivistin ist die gebürtige Iranerin Mina Ahadi. Sie musste damals aus dem Iran fliehen aufgrund ihrer politischen Aktivitäten, da sie steckbrieflich gesucht und später in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Nachdem sie zunächst acht Monate im Untergrund mitten in Teheran lebte, flüchtete sie nach Iranisch-Kurdistan. Dort kämpfte sie weitere zehn Jahre bis sie nach Wien flüchtete. Seit 1996 lebt sie in Köln. Minah Ahadi gründete das Internationale Komitee gegen Steinigungen, das Komitee gegen Todesstrafe und setzte sich auch in anderen Menschenrechtsorganisationen ein.

Golineh Atai ist ebenfalls gebürtige Iranerin und Journalistin. Sie ist mit fünf Jahren nach Baden-Württemberg gekommen, doch der Iran war stets ihr Herzensthema. Daher hat sie letztes Jahr das Buch „Die Freiheit ist weiblich“ veröffentlicht. Dort porträtiert sie den Iran aus dem Blickwinkel von neun Frauen und zeigt wie der Gottesstaat der Mullahs seit mehr als vierzig Jahren das Land im Griff hält.

Die ZDF-Sendung „Die Iranstalt“ widmete sich aufklärerisch den Protesten im Iran. Es moderierten (v.l.) Claus von Wagner, Negah Amiri, Maike Kühl, Enissa Amani, und Max Uthoff. Foto: ZDF/Christian Schier

 

Auch die Komödiantinnen Enissa Amani und Negah Amiri gehören zu den Frauen, die sich für die Menschenrechte im Iran einsetzen. Beide werden nicht müde, über die Proteste im Iran zu sprechen, sogar auf ihren Instagram-Accounts. Enissa Amani tritt auch regelmäßig auf Demonstrationen als Rednerin auf; Aufsehen erregte ihre engagierte Rede Anfang Oktober bei einer Solidaritätskundgebung auf dem Römer in Frankfurt/Main vor 4000 Menschen. Im November übernahmen Enissa Amani und Negah Amiri in der ZDF-Sendereihe „Die Anstalt“ die Moderation in der Politi-Satire „Die Iranstalt“, in der es nur um den Iran ging.

Ebenfalls durch das Fernsehen bekannt geworden ist die in München geborene deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri. Nach ihrem Studium der Orientalistik und Islamwissenschaft mit Auslandssemestern in Teheran und im Damaskus arbeitete sie zunächst bei der deutschen Botschaft in Teheran. Anschließend ging sie zum Auslandsstudio der ARD in Teheran und kehrte später als freie Journalistin nach Deutschland zurück. Sie veröffentlichte zwei Bücher – eins über Afghanistan und das andere über den Iran: „Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran.“ Darin berichtet sie über einen Alltag in einem Land zwischen verbotenen Partys und Sanktionen und lässt die unterschiedlichsten Menschen zu Wort kommen wie Lehrer, Drogenabhängige, Revolutionsführer und den ersten weiblichen Fußballstar des Irans.

Die Liste engagierter Frauen allein in Deutschland ließe sich noch lange fortsetzen. Sie beweist, dass Shirin Ebadi mit ihrer Rede vor 19 Jahren Recht behalten hat: ihr Nobelpreis hat  Frauen weltweit inspiriert, sich für die Menschenrechte einzusetzen, im Iran und anderswo. Dass sich dieses Engagement auszahlt, unterstreicht die Auszeichnung der Iranerinnen als „Heroes of the Year 2022“ durch das US-Magazin Time.

Das Video der Rede von Shirin Ebadi befindet sich auf den Seiten des Nobelpreiskomitees. Für mehr Informationen zur Biografie von Shirin Ebadi gibt es ein hörenswertes Audioporträt des österreichischen Rundfunks. Zwei Bücher von Shirin Ebadi erschienen 2006 und 2016; zur aktuellen Situation im Iran haben die Journalistinnen Natalie Amiri und Golineh Atai 2021 bzw. 2022 viel beachtete Bücher geschrieben.

Cynthia Schroff-Spiering

Cynthia Schroff-Spiering hat Allgemeine Rhetorik (M.A.) an der Eberhard Karls Universität Tübingen studiert. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst in der Wirtschaft. Seit 2022 arbeitet sie freiberuflich für Peter Sprong als Redenschreiberin.

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