Beste Redner im Europawahlkampf: Doppelsieg für Grünen-Doppelspitze

Autor: Christian Gasche
Ska Keller und Sven Giegold2018_Pressebild_Ska_Keller_und_Sven_Giegold_Europawahl_2019, (c) Dominik_Butzmann

Sven Giegold heißt der Sieger der Wahlredenanalyse des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS). Den zweiten Platz belegt Ska Keller, mit der Giegold als Doppelspitze von Bündnis 90/Die Grünen den Wahlkampf bestreitet. Giegold folgt damit Martin Schulz, der 2014 zum besten Redner im Europawahlkampf gekürt wurde.

Die Rangfolge:

Platz 1: Sven Giegold, Bündnis 90/Die Grünen
Platz 2: Ska Keller, Bündnis 90/Die Grünen
Platz 3: Martin Schirdewan, Die Linke
Platz 4: Özlem Alev Demirel, Die Linke
Platz 5: Manfred Weber, CDU/CSU
Platz 6: Udo Bullmann, SPD
Platz 7: Nicola Beer, FDP
Platz 8: Jörg Meuthen, AfD
Platz 9: Katarina Barley, SPD

Die Rednerinnen und Redner liegen in der Bewertung zum Teil sehr nah beieinander. Sven Giegold setzt sich als Gewinner klar ab.

Beurteilungskriterien rhetorisch formal

Die Wahlkampfauftritte wurden nicht nach Inhalten, sondern nach rhetorischen Kriterien durch ehrenamtliche VRdS-Analysten beurteilt. Die erfahrenen Redenschreiber kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Bewertung erfolgte nach einem Punktesystem in den Kategorien Aufbau/Struktur, Argumentation, Sprache, Rhetorik, Auftritt, Inszenierung sowie Publikumsorientierung. Um größtmögliche Neutralität zu gewährleisten, begutachteten jeweils zwei VRdS-Profis einen Kandidaten bei zwei unterschiedlichen Veranstaltungen. Berücksichtigt wurden die Spitzenkandidaten und -kandidatinnen aller im Bundestag vertretenen Parteien, da der Aufwand sonst für das ehrenamtliche Analysten-Team nicht zu leisten gewesen wäre.

Wenig Dynamik bei Dialog- und Zuhör-Formaten

„Der EU-Wahlkampf begann schleppend und nahm dann auch keine Fahrt auf. Obwohl die Bürger so viel für Europa demonstrierten wie nie zuvor: Die Reden der Kandidaten boten vielfach Mittelmaß. Oft zielten sie im Vortrag auf Selbstvergewisserung fürs Parteivolk. So wundert es wenig, dass die Wahlkampfauftritte der Kandidaten nur spärlich besucht wirkten“, so Christian Gasche, Frankfurter Redenschreiber und Journalist, der das Analyse-Projekt leitete. „Anders als bei der Bundestagswahl 2017 fanden die Wahlkampfauftritte überwiegend vor der eigenen Klientel statt. Man blieb also unter sich.“ Das so genannte „Town Hall-Format“ findet häufiger Anwendung. Dabei folgen einer recht kurz gehaltenen Rede mehrere Fragerunden. „Damit setzt sich der Trend zu Dialog-Elementen fort, den der VRdS schon im Bundestagswahlkampf 2017 feststellte.“

Giegold und Keller punkten mit Spontaneität und lokalen Bezügen

Sven Giegold nutzt dieses Format souverän. Er spricht frei und verzichtet auf typische Wahlkampfrhetorik und -floskeln. Ihm gelingt es, umwelt-, sozial- und finanzpolitische Themen differenziert und doch verständlich darzulegen. Um politische Entscheidungsprozesse transparent zu machen, berichtet er anschaulicher als seine politischen Mitbewerber und ohne prahlerische Nebentöne von seinem Alltag als Mitglied des Europaparlaments. Das besondere Plus: Giegold bezog auch das Geschehen vor Ort ein – wie zum Beispiel das Stühlerücken, um Nachzüglern Platz zu schaffen. Dabei bewies er Spontaneität, Humor und die Fähigkeit, Störungen und Zwischenfälle geschickt in seine Argumentation einzuflechten.

Ska Keller überzeugt vor allem durch bildhafte Sprache sowie klaren Redeaufbau und stringente Argumentationsstruktur, die sie auch bei Antworten auf Fragen aus dem Publikum zeigt. Zudem nimmt sie Bezug zu Themen aus der Region, in der sie spricht, was mit Applaus honoriert wird. Die Chance, über den lokalen Bezug einen schnellen Draht zum Publikum herzustellen und eine passende Metaphorik zu nutzen, vergaben die anderen Kandidaten bisweilen.

Barley blass, Weber moderat

“Während einige Parteien diese Formate also auch rhetorisch nutzen, fallen andere wie die SPD damit hinter die Erwartungen zurück. Spitzenkandidatin Katarina Barley bleibt in ihren Dialogveranstaltungen rhetorisch blass, während ihr Kollege Udo Bullmann sowohl in Bezug auf Sprache und Betonung variantenreicher ist“, so Gasche.

Ein häufig verwandtes rhetorisches Mittel sind Anekdoten, um Kernbotschaften zu untermauern. CDU-Spitzenkandidat Manfred Weber beispielsweise schöpft aus einem reichen Anekdotenschatz und leitet seine einzelnen Kapitel bis ins zweite Drittel seiner Rede mit Erlebnissen, Begegnungen und Erinnerungen ein, was mitunter zulasten einer klaren Argumentation geht. Auffallend ist, dass Weber fast ausschließlich positive Botschaften formuliert und die politischen Gegner so gut wie nicht erwähnt.

Auch die anderen Rednerinnen und Redner gehen mit dem politischen Gegner eher zurückhaltend um. Das betrifft nicht nur Union und SPD, die in Berlin in einer Koalition sitzen, sondern auch Oppositionsparteien. Deutlich ist dies zum Beispiel bei Nicola Beer und Martin Schirdewan, die sachlich kritisieren, aber auf Häme verzichten. Nur AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen spart nicht mit polemischen Formulierungen, die jedoch in jovialer Tonlage vorgetragen werden.

Parteifloskeln vor Parteipublikum

Da die Auftritte aller Parteien fast ausschließlich vor eigenen Anhängern und weniger vor „Laufkundschaft“ stattfinden, reichen oft Andeutungen aus, um Assoziationen zu wecken. So arbeitet Özlem Alev Demirel von den Linken trotz eines ansonsten lebendigen Vortrags leider zu oft mit parteitypischen Floskeln, um Zustimmung zu erlangen. Meuthen hingegen löst mit dem Verweis auf „unser 88-seitiges Wahlprogramm“ Begeisterung aus, was er mit einem Lachen sowie der Bemerkung „.. nein, diese Zahl!“ kommentiert und damit erneut Beifall generiert. „Das lässt den Schluss zu, dass der routinierte Redner Meuthen bewusst mit dem Zahlencode der Rechtsradikalen spielt. Das mag aus Sicht seiner Partei wirkungsvoll sein, kollidiert jedoch mit dem Ideal des „vir bonus“, erklärt VRdS-Präsidentin Jacqueline Schäfer. „Vir bonus“ ist ein seit der Antike geltendes ethisches und moralisches Leitbild für Redner.

Gute Verständlichkeit, wenig rhetorische Raffinesse

Insgesamt nutzten die Rednerinnen und Redner bisher eine leicht verständliche Sprache – im Gegensatz zur Sprache der Wahlprogramme. Erst in der vergangenen Woche veröffentlichten Kommunikationswissenschaftler um Professor Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim eine Analyse der Wahlprogramme aus den letzten 40 Jahren. Die ernüchternde Bilanz: Wahlprogramme sind für Laien auch heute noch oft unverständlich. Bandwurmsätze, Wortungetüme und Fachbegriffe bauen kommunikative Hürden auf. Dass es anders gehen kann, zeigt die Analyse der Rede-Auftritte des VRdS: „Die gesprochene Sprache unterscheidet sich stark von der in den Wahlprogrammen verwendeten“, sagt Schäfer. „So werden bei den Auftritten kaum Anglizismen oder Fachbegriffe verwendet. Alle Kandidaten nutzen eine leicht verständliche Sprache. Was rhetorische Raffinesse betrifft, ist allerdings bei fast allen Luft nach oben.“

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