Wahlkampf Sachsen-Anhalt 2026: Ein Lehrstück über die Wirkung von Geschichten
Was für ein Theater! Ein Mann auf einem Moped will Ministerpräsident werden. Den Sieg trägt er schon im Namen: Siegmund. Seine Konkurrenten errichten Brandmauern und Deiche. Der SPIEGEL kürt ihn zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Aber die Wähler machen seine AfD trotzdem zur stärksten Partei.
Vielleicht lohnt es sich, diesen Wahlkampf einmal anders zu betrachten: nicht als politischen Wettbewerb von Parteien und Programmen, sondern als Stück. Mit einem Plot, Helden und Gegnern, Bildern und Requisiten – auf einer Theaterbühne oder in einer Netflix-Serie.
Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 hat die AfD in Sachsen-Anhalt haushoch gewonnen. Gründe dafür gibt es viele. Einer davon: Sie hatte die wirkungsvollere Story.
Ihr Kern bestand aus fünf Wörtern: „Hol dir dein Land zurück.“ Ein Satz, in dem eine ganze Geschichte steckt. Es gab einmal ein besseres Land. Wir haben es verloren. Jemand hat es uns genommen. Aber wir können es zurückholen.
Der Satz geht zurück auf eine aggressive Ansage des ehemaligen AfD-Chefs Alexander Gauland: „Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen – und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen,“ drohte er nach der Bundestagswahl 2017. Neun Jahre später ist aus der Drohung eine Verheißung geworden. Und die AfD steht davor, erstmals den Ministerpräsidenten in einem Bundesland zu stellen.
Die beherrschenden Themen des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt waren Massenmigration, hohe Energiekosten, wirtschaftlicher Abstieg. Die AfD machte daraus die Geschichte vom verlorenen Land. Aber es gibt Hoffnung: Der Held fährt aus, und er holt es zurück.
Siegmund hat das zu einer mobilisierenden Botschaft destilliert: „Alles ist möglich.“
Drei Wörter. Mehr brauchte auch Barack Obama nicht: „Yes we can.“ Der erste schwarze Präsidentschaftskandidat der USA versprach 2008 nicht nur politischen Wandel. Er brachte auch etwas Fröhliches, Entspanntes und Leichtes in die Schwere der Politik. Wenn Obama redete, hörten die Menschen zu.
Ulrich Siegmund inszeniert sich fast als Ost-Obama: lächelnd, locker, aufbruchsfroh. Er präsentiert sich nicht als grimmiger Protestpolitiker, sondern als freundlicher junger Mann, der gute Laune verbreitet und sagt: Alles ist möglich. Bei Obama hieß die Verheißung „Hope“. Bei Siegmund heißt sie „Heimat“.
Easy Rider auf ostdeutsch
Und jetzt kommt sein wichtigstes Requisit ins Spiel. Die Schwalbe. Retro auf zwei Rädern. Ein blauer Simson-Roller, der die AfD-Erzählung perfekt unterstützt. Ein Stück DDR-Nostalgie, das nach Zweitaktgemisch, Jugend, Freiheit und Landstraße duftet. Doch die Schwalbe beschwört nicht nur die Vergangenheit, sondern symbolisiert zugleich den Aufbruch. Videos von gemeinsamen Ausfahrten mit Hunderten Siegmund-Fans vermitteln ein Easy-Rider-Lebensgefühl. „Born to be wild.“ „Back to the future.“ „Alles ist möglich.“ Aufbruch in die Zukunft auf einem knatternden Nostalgie-Roller.
Und was hatten die anderen dagegenzusetzen?
Eine Mauer und einen Deich. Die Brandmauer soll die Demokratie vor der „gesichert rechtsextremen“ AfD schützen. Die SPD erklärte sich zum Deich gegen die „blaue Welle“. Das ergibt eine eigentümliche Rollenverteilung: Hier Roller und Bewegung, dort Mauer und Deich, Steine und Sandsäcke.
Die AfD sagt: Wir fahren los. Die anderen sagen: Wir stoppen sie. Offensive gegen Defensive.
Die CDU war ehrlich. Auf Siegmunds „Alles ist möglich“ antwortete Sven Schulze: „Es ist eben nicht alles möglich.“ Das ist redlich und realistisch. Nur: Welcher der beiden Sätze funktioniert besser als Wahlaussage?
Dann kam der SPIEGEL und machte Siegmund zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Denn die Angst vor dem Rechtsextremismus war das andere große Thema des Wahlkampfs.
Das SPIEGEL-Cover sollte abschrecken. Es bewirkte das Gegenteil. Siegmund drehte den Spieß um, signierte das Heft vor laufenden Kameras und machte es zur Trophäe seiner Anhänger. Ganz großes Kino – ein Nachrichtenmagazin wollte vor einem Politiker warnen und lieferte ihm stattdessen das passende Filmplakat.
Dass Medien die Geschichte des Wahlkampfs mitschreiben, zeigte auch BILD-Chefreporter Paul Ronzheimer. Beim Dreh eines Interviews entdeckte er im Wahlkreisbüro des AfD-Chefideologen Hans-Thomas Tillschneider eine Tasse mit dem Logo der russischen Armee. Was für ein Requisit! Was es damit auf sich habe, fragte der Reporter, Tillschneider war das sichtlich unangenehm. Er wollte sogar verhindern, dass die Aufnahmen veröffentlicht werden. Aus Porzellan wurde Politik.
Die Tasse hätte auch das Zeug zur Retourkutsche gehabt. Die AfD nennt ihre Gegner „Flachzangen“. Sven Schulze hätte Siegmund, Tillschneider & Co. „trübe Tassen“ nennen können. Aber Schulze ist ein zu feiner Mann dafür. Gezielte Beleidigungen bleiben das Markenzeichen der AfD.
Was ist aus Sicht des Kritikers und Rhetorik-Analysten sonst noch zu bemerken in diesem denkwürdigen Wahlkampf?
Als prominente Wahlkampfhelfer wurden Dieter Hallervorden und Uwe Steimle engagiert. Doch sie erwiesen sich ihren Nebenrollen nicht wirklich gewachsen. Schweigen wir lieber darüber. Deutschland hatte einmal großes politisches Kabarett. Tempi passati.
Die wahren Giganten der Geschichte
Viel interessanter sind zwei Männer aus Sachsen-Anhalt, die längst Geschichte geschrieben haben und in diesem Lehrstück nochmals die Bühne betreten sollen.
Der eine ist Martin Luther aus Eisleben. Hätte es den SPIEGEL schon vor 500 Jahren gegeben, das Cover hätte sogar gestimmt. Luther war tatsächlich ein gefährlicher Mann. Für den Papst und die katholische Kirche – und mit seinen späten judenfeindlichen Schriften auch für die Juden. Ein Ketzer, ein Sprachgenie und ein Meister der neuen Medien seiner Zeit. Er wusste um die Macht kurzer Sätze, drastischer Bilder und persönlicher Angriffe. „Tritt frisch auf! Tu’s Maul auf! Hör bald auf!“, lautete sein Ratschlag für erfolgreiche Redner. Das gilt heute noch.
Einer der wichtigsten Politiker der jüngeren Geschichte stammte ebenfalls aus Sachsen-Anhalt: Hans-Dietrich Genscher, ein Meister der Diplomatie. Geboren in Halle. Umwelt-, Innen- und Außenminister und einer der letzten großen Liberalen. Denn die FDP ist bei dieser Wahl vielleicht endgültig verblichen.
Erinnern wir uns: Prag, 30. September 1989. Genscher tritt auf den Balkon der deutschen Botschaft und beginnt in trockenem Bürokratendeutsch: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Weiter kam er nicht. Der Rest ging im Jubel unter. Wenige Wochen später fiel die Mauer.
Auch Genschers politische Geschichte handelte von einem verlorenen Land. Von Deutschland, Teilung, Heimat und Grenzen. Auch er wollte etwas zurück: ein geeintes Deutschland. Er und Helmut Kohl glaubten an diese Vision und machten sie zum konkreten Ziel ihrer Politik. Eine Geschichte, die Wirklichkeit wurde. Und die damals weit über Deutschland hinaus Hoffnungen weckte.
An Weihnachten 1989 wurde diese Hoffnung sogar Musik. Leonard Bernstein stand in Berlin vor einem Orchester mit Musikern aus der ganzen Welt und dirigierte Beethovens Neunte. Den Chorgesang „Freude, schöner Götterfunken“ textete er um zu „Freiheit, schöner Götterfunken“. Man glaubte damals tatsächlich, eine neue Geschichte habe begonnen: von Freiheit und Frieden, vom Ende der Teilung, von einem gemeinsamen europäischen Haus.
Eine Generation später ist von dieser Geschichte wenig geblieben. In Europa herrscht wieder Krieg. Da wäre eine kraftvolle, glaubhafte neue Erzählung von Freiheit, Frieden und Demokratie in Europa wichtiger denn je.
Aber wer erzählt sie heute?
Die anderen Parteien hatten durchaus eigene Themen. Doch im Wahlkampf wurden sie vom Kampf gegen die AfD überlagert: Brandmauer, Deich, Verbot. Damit ließen sie sich Rollen in einer Geschichte zuweisen, deren Handlung die AfD bestimmte.
Mit 3,6 PS von 20 auf 44 Prozent
Der Mythos vom verlorenen Land, das zurückgeholt werden kann, hat in Sachsen-Anhalt enorm mobilisiert. Es ist eine Geschichte, in der die Wähler nicht bloß Zuschauer sind. „Hol dir dein Land zurück“ ist ein Imperativ. Er weist den Wählern eine aktive Rolle zu.
Ob die Geschichte der AfD stimmt, ist eine andere Frage. Ihre verführerische Kraft liegt in ihrem einfachen Plot: Verlust, Schuldige, Aufbruch, Rückkehr. Ihre Konrahenten blieben dagegen in der Abwehr, ohne eine eigene Vision zu entfalten.
Fazit: Der Mann auf der Simson hat ein sensationelles Wahlergebnis buchstäblich eingefahren. Mit 3,6 PS von 20 auf knapp 44 Prozent. Seine Gegner haben imaginäre Brandmauern und Deiche errichtet – und sind selbst daran zerschellt. Die AfD verspricht den Wählern ihr verlorenes Land zurück. Eine überzeugende Geschichte von der Zukunft unseres Landes bleiben die anderen bislang schuldig.


1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort
Lieber Herr Sterzenbach, vielen Dank für Ihren schönen Beitrag, den ich einfach wundervoll finde; die Analyse trifft einen, wenn nicht den wichtigen Punkt überhaupt und ist völlig nachvollziehbar! Wie schade eigentlich, dass dieser Beitrag erst nach der Wahl veröffentlicht worden ist – vielleicht wäre zumindest die SPD mit ihrer zutiefst lächerlich anmutenden „Deichpolitik“ noch rechtzeitig aufgewacht? Wahrscheinlich nicht, aber ich freue mich sehr darüber, dass Sie und der VRdS sich den politischen Reden künftig viel stärker widmen wollen. Wie man sieht, ist hier echter Nachholbedarf.
Herzliche Grüße, Wiebke Falckenthal