Erlösen wir die Sprache aus ihrem Bann

Martin Buber bei seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche am 27. September 1953. © Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Martin Mordechai Buber (1878 – 1965) ist mit vielen ehrenden Beinamen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet worden: Philosoph, Humanist, Deuter der Bestimmung seines Volkes und neben Sigmund Freud und Albert Einstein „einer der bekanntesten jüdischen Denker und Intellektuellen des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum“. Sein Denken hinsichtlich der „monströsen Unmenschlichkeit“ des Dritten Reiches im Besonderen, aber auch der lähmenden Konflikte generell in der Welt, war dem Frieden und der Versöhnung gewidmet. 1953 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen – als viertem Preisträger der 1950 erstmals verliehenen Auszeichnung. In seiner Dankesrede vom  27. September 1953 in der Frankfurter Paulskirche offenbarte Martin Buber Überlegungen, wie durch Vertrauen und das Gespräch Unversöhnlichkeit überwunden werden kann.

Seine Worte gewinnen in heutiger Zeit hohe Aktualität: Eskalierende Machtkontroversen und wachsende Spannungen angesichts sich abzeichnender neuer Lagerbildungen sind in den Nachrichten an der Tagesordnung. Buber diagnostizierte damals schon in den Krisen der Welt „Gesprächslosigkeit als pathologischen Ausgangsbefund“ und sah demgegenüber Sprache als Substanz einer wirksamen Friedensstrategie. Allerdings ist für ihn gegenseitiges Vertrauen die notwendige Voraussetzung dafür. Respekt und Vertrauen gleichermaßen als Urmaterie, auf der allein nur ein Friedensdialog sich entfalten kann.

„Es ist das Vertrauen schlechthin, das dem Menschen dieses Zeitalters immer mehr abhanden gekommen ist. Und damit ist aufs Engste die Krisis der Sprache verbunden; denn im wahren Sinn zu einem sprechen kann ich nur, wenn ich erwarten darf, dass er mein Wort wahrhaft aufnehme. Darum sind die Tatsache, dass es dem heutigen Menschen so schwer fällt zu beten (wohlgemerkt: nicht für wahr zu halten, dass es einen Gott gibt, sondern ihn anzureden), und die Tatsache, dass es ihm so schwer fällt, mit seinem Mitmenschen ein echtes Gespräch zu führen, Stücke eines einzigen Sachverhalts,“ schlussfolgert Buber. 

Gegensätze menschlich austragen

Wenn es eine Heilung von dieser „inneren Erkrankung“ gibt, so fragt Buber, „wo muss die Wesensumkehr beginnen, auf die die heilenden Mächte, die Heilsmächte auf dem Grunde der Krisis warten?“ Er glaubt, dass die Völker in ein echtes Gespräch miteinander kommen können, wenn „jeder Partner den anderen, auch wo er in einem Gegensatz zu ihm steht, als diesen existenten anderen wahrnimmt, bejaht und bestätigt; nur so kann der Gegensatz zwar gewiss nicht aus der Welt geschafft, aber menschlich ausgetragen und der Überwindung zugeführt werden.“

Im Hebräischen bedeute das Wort Satan Hinderer. Das sei, so Buber, die rechte Bezeichnung des“ Widermenschlichen im Menschen und im Menschengeschlecht“. Und er schließt mit der Aufforderung: „Lassen wir von dem satanischen Element darin uns nicht hindern, den Menschen zu verwirklichen! Erlösen wir die Sprache aus ihrem Bann! Unterfangen wir uns, trotz allem zu vertrauen!“

 

Martin Buber wird beim Eingang in die Frankfurter Paulskirche von Bundespräsident Theodor Heuss begeleitet. © Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Welle der Entrüstung in Israel

Die Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels acht Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft war in Israel sehr umstritten. Zuvor schon, 1951, war Martin Buber der Hansische Goethe-Preis zugesprochen worden. Ihm schlug eine Welle der Entrüstung von seinen Kollegen der Hebräischen Universität und anderen israelischen Intellektuellen entgegen, beschreibt die Jüdische Allgemeine in einem Rückblick den Moment, als Buber die Neigung zeigte, den Goethe-Preis anzunehmen. Nach seinem anfänglichen Zögern tat Buber dies dann 1953, also im selben Jahr der Verleihung des Friedenspreises.

Ausschlaggebend dafür war die Popularität, die die Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig unter jungen Theologen in Deutschland erlangt hatte. Buber empfand es als seine Pflicht, die ausgestreckte Hand dieser neuen Generation anzunehmen. Trotz seines frühen Bekenntnisses zum Zionismus war Buber in Deutschland geistig verwurzelt geblieben, stellt die Jüdische Allgemeine fest. „Bis 1933 war er Honorarprofessor an der Universität Frankfurt, und erst 1938 tauschte er sein Haus in Heppenheim an der Bergstraße gegen sein neues Domizil im Jerusalemer Stadtteil Rechavia ein.“ 

Eine der bedeutendsten Ehrungen Deutschlands

Es sind namhafte Preisträger wie Martin Buber, die den 1950 gestifteten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels als eine der bedeutendsten Ehrungen in Deutschland begründet haben. Bei der Verleihung an Buber nahm Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland teil. Der Theologe und Schriftsteller Albrecht Goes hielt die Laudatio. Buber sei durch seine Worte für viele in einer „Wüstennacht“ „Beistand“ gewesen. „Die Menschensorge ist Martin Bubers Grundsorge. Die Sorge um alles Menschliche mitsammen“, sagte Goes und zitierte zum Beleg Martin Buber mit den Worten: „Die eigentliche Schicksalsfrage der Menschheit ist die Frage, ob es den unmittelbaren, rückhaltlosen Dialog gibt, das echte Gespräch zwischen Menschen verschiedener Art und Gesinnung“.

In Israel selbst ist Martin Buber 1958 der Israel-Preis für seine geisteswissenschaftlichen Arbeiten zuerkannt worden. Es ist die höchste Kulturauszeichnung des Staates. Bubers Lehrmeinungen haben damit auch bei einer breiteren Öffentlichkeit des Landes Anerkennung gefunden.

»Gern werde ich den Preis entgegennehmen und etwas über den grossen Gegenstand sagen, wahrscheinlich zum Thema „Das echte Gespräch und die Möglichkeit des Friedens“«, schrieb Martin Buber an Arthur Georgi, den Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, in einem Dankesbrief für die Ehrung. © Börsenvereins des deutschen Buchhandel

 

Die Urkunde der Preisverleihung an Martin Buber © National Library of Israel

 

Die Preisverleihung in der  Frankfurter Paulskirche mit der Rede Martin Bubers und der Laudatio Albrecht Goes‘ ist auf der Webseite des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausführlich dokumentiert.

 

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