Eindeutigkeit ist schon eine halbe Lüge

Foto: Privat

Dr. Thilo von Trotha, Gründer und Ehrenpräsident des Verbandes der Redeschreiber deutscher Sprache (VRdS), feiert am 19. Mai 2020 seinen 80. Geburtstag. In unserem Interview blickt er zurück auf 50 Jahre Redenschreiben. Sein Fazit: „Wir erleben eine Gesellschaft, in der jedes Abwägen, jedes Überlegen als Schwäche gedeutet wird.“

VRdS: Lieber Thilo, du hast in den 70er Jahren als politischer Redenschreiber angefangen – erst für Abgeordnete des Deutschen Bundestages, dann für einen Staatssekretär und schließlich sechs Jahre lang für den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Seitdem bist du als freier Redenschreiber unterwegs und bildest seit 30 Jahren Nachwuchskräfte aus. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Dr. Thilo von Trotha:  Als ich angefangen habe, gab es Redenschreiber fast ausschließlich in Festanstellung. Der Markt für Freie war – anders als heute – recht übersichtlich. Deshalb habe ich einmal von dem Beruf gesprochen, den es nicht mehr gab. Dabei ist Redenschreiben einer der ältesten Berufe der Welt. Im antiken Griechenland spielten freie Redenschreiber, die so genannten Logographen, als Verfasser von Gerichtsreden eine wichtige Rolle. Und was für sie galt, hat auch heute noch Bestand: Eine gute Rede muss wahrhaftig sein, persönlich, bildhaft, überzeugungsstark. Und es muss das Engagement des Redners dahinterstecken. Was sich aber geändert hat, ist der Stil von Reden.

In welcher Hinsicht?
In den 60er und 70er Jahren waren stundenlange Reden gang und gäbe. Heute dauern Ansprachen meist 20 bis 30 Minuten. Das hat der VRdS vor einigen Jahren in einer Studie empirisch nachgewiesen. Redner müssen heute schneller auf den Punkt kommen. Ich finde, das ist eine große Verbesserung. Denn kaum ein Zuhörer kann sich länger als 20 Minuten konzentrieren. Danach schweifen die Gedanken ab. Das haben Wissenschaftler aus den USA ermittelt. Ob damit allerdings der Wahrheitsgehalt von Reden gestiegen ist, weiß ich nicht.

Die Menschen werden nicht besser geworden sein …
Weder besser noch schlechter. Je älter ich werde, desto mehr kristallisiert sich bei mir der Gedanke heraus: Eindeutigkeit ist schon eine halbe Lüge. Dahinter steht die Überlegung, dass das Sprichwort „Jede Medaille hat zwei Seiten“ eine tiefe Wahrheit in sich birgt. In Wirklichkeit hat jeder Tatbestand, der Gegenstand einer Rede wird, sogar mehr als zwei Seiten. Dem aber steht das Streben nach Eindeutigkeit entgegen. Wir erleben eine Gesellschaft, in der jedes Abwägen, jedes Überlegen als Schwäche gedeutet wird. Und vielleicht ist das das Problem: In unserer modernen Kommunikation wird diese Ambivalenz des Richtigen nicht hinreichend gewürdigt.

War das jemals anders?
Mit Sicherheit war es nie völlig anders. Es ist ein Grundproblem der Kommunikation. Der eine schreit „Hü“, der andere „Hott“ – und beide haben ein bisschen Recht. Deswegen ist der Kompromiss so segensreich. Weil er versucht, das Richtige aus unterschiedlichen Positionen zusammenzubinden. Das Ergebnis glänzt dann zwar nicht mehr so hell, aber es gibt Raum und fordert auf, weiter miteinander im Diskurs zu bleiben. Das ist die Grundlage unserer Demokratie.

Ist diese Überzeugung der Grund, warum du in den 90er Jahren damit begonnen hast, Debattierclubs an Schulen zu fördern?
Genau. Die Idee kommt aus Großbritannien. Hier lernen die Schülerinnen und Schüler von klein auf, Reden zu Meinungsthemen zu halten. Erst gilt es, eine zustimmende Ansprache zu halten, und ein paar Minuten später eine ablehnende Haltung einzunehmen. Im Laufe der Zeit lernen die Zuhörer ebenso wie die Redner, dass es für fast jede Position gute Argumente gibt. Damit ist eine Grundlage für Toleranzfähigkeit gelegt.
Mittlerweile gibt es an vielen deutschen Schulen und Hochschulen solche Debattierclubs. In meiner Heimatstadt Weimar war ich Spiritus Rector dieser Bewegung. Darüber hinaus habe ich in vielen Interviews für diese Idee geworben und deutlich gemacht, dass Reden Übungssache ist. Ich freue mich sehr, dass dies Früchte getragen hat.

Für deine Bemühungen um die Förderung der Redekultur in Deutschland hast du 2009 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Neben den Debattierclubs an Schulen wurden damit auch andere Aktivitäten gewürdigt – wie deine kostenlose Redenschreiber-Seminare für Weimarer Bürger kurz nach der Wiedervereinigung, die Gründung der Akademie für Redenschreiben 1990 sowie des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache 1998. Was war der Auslöser für die Gründung des VRdS?
An meinen Seminaren nahmen Redenschreiber aus Kommunen, Regierungsstellen und Wirtschaft teil. Und immer wieder hörte ich von ihnen: „Herrje, wir haben einen so einsamen Beruf. Wir sitzen allein in unserem Zimmer. Niemand bekennt sich zu uns. Wir brauchen eine offizielle Vertretung wie sie andere Berufe auch haben.“ Das habe ich mir zwei, drei Jahre angehört und dachte: Das ist eine vollkommen richtige Idee. Und dann habe ich mich an die Umsetzung gemacht.

Bei der Gründungsversammlung 1998 in Bonn waren über 30 Mitstreiter anwesend. Wie hast du sie gewonnen?
Das waren zum großen Teil ehemalige Teilnehmer meiner Seminare sowie Menschen, die ich persönlich angesprochen habe, weil sie sich für das Redenschreiben interessierten. Mit Willi Vogler, Udo Kessler und Minita von Gagern bin ich noch heute freundschaftlich eng verbunden.

Dein „Kind“ ist jetzt 22 Jahre alt. Wie hat es sich gemacht?
Ich bin sehr zufrieden, denn für mich war immer klar: Die Gründung ist in dem Augenblick erfolgreich, wo der Verband ohne seine Gründungsmitglieder bestehen und im übertragenen Sinn laufen kann. Und genau das ist gelungen. Seit nunmehr vier Jahren besteht das Präsidium aus Mitgliedern, die an der Gründung nicht beteiligt waren. Sie führen den Verband mit viel Fantasie, großem Einsatz und beachtlichem Erfolg. Das ist ein wunderschönes Faktum.
Wenn man so alt ist wie ich, dann stellt sich ja immer auch die Frage: Was bleibt eigentlich von dem, was man sein Lebtag lang versucht hat, auf die Beine zu stellen? Ich bin sicher, dass der VRdS mich überleben wird, und das freut mich.

Du bist nach wie vor in der Ausbildung von Redenschreibern tätig. Was ist deine Kernbotschaft an sie?
Redenschreiben ist in erster Linie eine Dienstleistung. Es geht darum, Rednern Material an die Hand zu geben, mit dem sie ihre Ziele optimal verwirklichen können. Das Stichwort ist Kreativität: Als Redenschreiber kann und muss man im höchsten Maße kreativ sein, um Redner darin zu unterstützen, ihr Publikum zu motivieren – und damit zu führen.

Sich in den Dienst anderer zu stellen – wo siehst du Grenzen?
Ich würde davon abraten, unlauteren Rednern zu helfen. Der Rahmen des Grundgesetzes ist auch der Rahmen, in dem man seine Kundschaft bedient. Man kann – je nach Thema – auch für Redner schreiben, die einer anderen Parteirichtung als man selbst zuneigen. Es müssen nicht nur Gleichgesinnte sein. Wer aber nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht, kommt als Kunde nicht infrage.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Wie wird die Digitalisierung das Redenschreiben verändern?
Die Chancen, die die neuen Medien bieten, werden noch mehr in den Mittelpunkt rücken. Für mich ist das jedoch eine fremde Welt. Und das zeigt, dass sich so Leute wie ich irgendwann zurückziehen müssen. Aber die nächste Generation wird daraus Funken schlagen, die ich mir überhaupt nicht vorstellen kann.

Das Interview führte Anja Martin

Zur Person: Dr. Thilo von Trotha feiert am 19. Mai 2020 seinen 80. Geburtstag. Der promovierte Jurist wuchs in Weimar auf, flüchtete als 15-Jähriger in die Bundesrepublik und wurde 19 Jahre später Redenschreiber des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Seit 1981 ist er freiberuflich tätig, rief 1990 die Akademie für Redenschreiben ins Leben und gründete 1998 in Bonn den Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), dessen Ehrenpräsident er nach sechs Jahren an der Spitze heute noch ist. Für seine Verdienste zur Förderung der Redekultur und Demokratie in Deutschland erhielt er im Januar 2009 das Bundesverdienstkreuz.

Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) ist der Berufsverband der Redenschreiberinnen und Redenschreiber im deutschsprachigen Raum. Er setzt sich im Interesse seiner rund 450 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dafür ein, das Redenschreiben als hoch qualifizierten Dienstleistungsberuf öffentlich anzuerkennen. Darüber hinaus fördert er die demokratische Rede- und Debattenkultur.

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