Die Rede des Versöhners 

Bundespräsident Johannes Rau bei seiner Rede am 16. Februar 2000 vor der Knesset in Jerusalem. Er war zu einem mehrtägigen Staatsbesuch nach Israel eingeladen. @ Peer Grimm, picture-alliance / dpa

Schon über 30 mal hatte Johannes Rau Israel besucht, wohl öfter als jeder andere deutsche Politiker zuvor. Doch diesmal reiste er als Bundespräsident mit der ganzen Last der deutschen Geschichte im Gepäck nach Jerusalem. Er war eingeladen, am 16. Februar 2000 als erstes deutsches Staatsoberhaupt eine Rede in der Knesset zu halten. Eine schwierige Premiere. Es kam nicht nur darauf an, die richtigen Worte zu finden, es wurde auch kritisiert, dass er auf Deutsch sprechen würde, in der „Sprache der Mörder“, wie sie von manchen Israelis noch empfunden wurde. Auch 55 Jahre nach dem Ende des Holocaust hatten viele Überlebende die Hetzreden der Nazis und die Kommandos der KZ-Wächter noch im Ohr. Schon der Klang der deutschen Sprache erregte ihr Misstrauen, erinnerte sie an die horrende Vergangenheit, an den erlittenen Schmerz. Und jetzt sollte sie im israelischen Parlament zu hören sein? Ein Abgeordneter nannte dies gar eine „Schändung des Holocaust-Gedenkens“. 

Welche Vorbehalte gegenüber Deutschland im Israel des gerade angebrochenen neuen Jahrtausends noch immer bestanden, bekam Johannes Rau zu spüren, als er den Parlamentssaal betrat. Nur wenige Abgeordnete befanden sich auf ihren Plätzen, die meisten hatten sich in ihre Büros zurückgezogen und verfolgten zunächst von dort aus das Geschehen. Ein Auftritt vor fast leerem Plenum?

Doch schon während der Begrüßungsreden durch den Ministerpräsidenten Ehud Barak, den Oppositionsführer Ariel Sharon und den Parlamentspräsidenten Avraham Burg füllte sich er Saal allmählich wieder. Alle drei hoben hervor, dass sich das Verhältnis zu Deutschland geändert habe und nannten Johannes Rau den „größten Freund Israels“. Avraham Burg bekräftigte: „Nicht die Sprache gibt den Ausschlag, sondern der Redner.“ 

Und Johannes Rau, der im Vorfeld selbstbewusst bekundet hatte, „wenn das deutsche Staatsoberhaupt spricht, sollte es Deutsch sprechen“, ging gleich im ersten Satz seiner Rede emphatisch auf die Vorbehalte ein. „Ich weiß, was es für manchen von Ihnen bedeutet, in diesem Hohen Hause heute die deutsche Sprache zu hören. Ihre Entscheidung, mich einzuladen, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich empfinde sie als Zeichen des Willens, Geschichte niemals zu verdrängen, und des Mutes, die Schreckenslähmung dieser Geschichte dennoch zu überwinden.“ Er knüpfte damit an die historische Rede des israelischen Staatspräsidenten Ezer Weizman an, die dieser vier Jahre zuvor im Deutschen Bundestag gehalten hatte.

Israels Premierminister Ehud Barak, Bundespräsident Johannes Rau, Knesset-Präsident Avraham Burg und Israels Staatspräsident Ezer Weizman © Avi Ohayon | GPO

 

Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte.

Johannes Rau hatte eine Sprache gefunden, die in der Knesset Gehör fand, immer mehr Abgeordnete kehrten in den Saal zurück. Es war die Sprache des Christen und Versöhners, die in der Politik heute selten geworden ist. Er fuhr fort: „Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte. Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte. Ich tue das vor Ihnen, den Vertretern des Staates Israel, der nach 2000 Jahren wiedergeboren wurde und den Juden in der Welt, vor allem aber den Überlebenden der Shoah Zuflucht gegeben hat.“

Mit nur wenigen Worten gelang es ihm, die Besonderheit des deutsch-israelischen Verhältnisses zu beschreiben. „Oft wird gefragt, ob es für Deutsche und Israelis angesichts der Vergangenheit Normalität geben kann. So undifferenziert gestellt, kann ich diese Frage nur mit ‚nein‘ beantworten. Das Verhältnis zwischen unseren Ländern wird für immer ein besonderes sein. Im Wissen um das Geschehene halten wir die Erinnerung wach. Mit den Lehren aus der Vergangenheit gestalten wir gemeinsame Zukunft. Das ist deutsch-israelische Normalität.“

Zur historischen Verantwortung bekannt

Das Wachhalten der Erinnerung, der Umgang mit der Schuld der Väter – Johannes Rau bekannte sich klar zur Verantwortung aus der Geschichte, die mit der Erziehung in den Schulen und mit der Einrichtung und Pflege von Gedenkstätten beginnen müsse. Er betrachtete „die Schärfung des historischen Bewusstseins“ als eine der wichtigsten Aufgaben im deutsch-israelischen Verhältnis und mahnte: „Deutschland und Israel stehen mitten in einem Generationenwechsel: Noch leben Zeitzeugen des Holocaust; bald werden ihre Enkel das politische Geschehen und Denken prägen. Das Wissen über die Vergangenheit von Generation zu Generation weiterzugeben, ist deshalb so wichtig.“

Begegnungen zwischen jungen Menschen aus beiden Ländern zu fördern, mit diesem Appell beschloss Johannes Rau seine Rede: „Wenn wir der Jugend die Erinnerung weitergeben und sie zu Begegnungen ermutigen, dann brauchen wir uns um die Zukunft der Beziehungen zwischen Israel und Deutschland nicht zu sorgen.“

Am Ende erhielt Johannes Rau großen Beifall für seine Rede, es war ihm gelungen, die Stimmung zu drehen. Ein deutscher Journalist schilderte die Szene eines Abgeordneten, der hinterher fröhlich seine Jacke von der Garderobe abholte und auf die Frage, wie er die Rede fand, antwortete: „Ihr Präsident ist ein Mensch, wollen Sie noch mehr Lob?“ 

Johannes Rau bei der Kranzniederlegung in Yad Vashem am ersten Tag seines Staatsbesuchs in Israel. © Amis Ben Gershom / GPO

Seine wichtigste Rede

Johannes Rau selbst wurde in einem Interview wenige Tage später gefragt, ob dies die wichtigste Rede in seinem Amt als Bundespräsident gewesen sei. „Das könnte sein, ja,“ so Rau knapp. Ausführlicher äußerte sich der langjährige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel. In einer Würdigung hob er hervor, dass die deutsch-israelische Freundschaft  immer ein zentrales Anliegen von Johannes Rau gewesen war: „Ich glaube, es war für ihn einer der Momente, wo er am glücklichsten war, als er die Rede in der Knesset hielt und die Abgeordneten, die zu Beginn herausgegangen waren, dann während der Rede wiederkamen und am Ende Beifall gespendet wurde. Das war, glaube ich, auch unter dem Stichwort Versöhnen für ihn ein ganz wichtiger Moment.“

Die deutsche Sprache war seither noch weitere Male in der Knesset zu hören, auch Angela Merkel und Horst Köhler achteten in ihren Ansprachen auf die besondere Sensibilität der Israelis. In Yad Vashem bleibt sie ein Tabu: Dort sprach Frank-Walter Steinmeier am 27. Januar 2021 zum 75-jährigen Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als erster Bundespräsident  – auf Englisch.

 

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