Die aktuelle Redekritik: Zukunftsvertrauen in der digitalen Moderne

Autor: Christian Gasche
37. Deutscher Evangelischer Kirchentag, Eröffnungsgottesdienst, Mittwoch, 19. Juni 2019, Quelle kirchentag.de

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt auf dem Kirchentag am 19. Juni 2019 eine beeindruckende Rede. Er bediente sich gekonnt aus dem reichen Werkzeugkoffer der Rhetorik. Er sprach in kurzen Sätzen, formulierte persönliche Gedanken und verbreitete Zuversicht mit brillanten Argumenten. Er gab Orientierung zu einem Thema, das vielen unter den Nägeln brennt.

Schon nach zehn Sekunden hatte Frank-Walter Steinmeier die Lacher auf seiner Seite. Er reagierte abseits seines Manuskriptes auf seinen Vorredner Hans Leyendecker. Dieser hatte den Bundespräsidenten über den grünen Klee gelobt. Und so bat der Politiker eingangs darum, den Vorredner nicht Miss zu verstehen. Das sei kein Nachruf gewesen, er lebe noch und lebe gern: „Guten Morgen Dortmund“. Es war mehr als freundlicher Applaus, der schon 40 Sekunden später wieder aufbrandete. Der Redner gab sich mit feiner Ironie als Kirchentagsintimus zu erkennen. „Singende Gruppen in den Straßenbahnen, Pfadfinder an allen Ecken, die unbequemen Pappkartons: Die alten Hasen kennens gut.“ Nun hatte er die Aufmerksamkeit des Publikums gewonnen. Er hatte es abgeholt, die Situation humorvoll eingefangen. Es schlossen sich 35 Minuten einer spannenden Rede über das „Zukunftsvertrauen in der digitalen Moderne“ an, die in der gut besuchten Westfalenhalle von über 10.000 Zuhörern mit ungewöhnlich intensiver Aufmerksamkeit aufgenommen wurde.

Gut gefüllter Werkzeugkoffer der Rhetorik

Natürlich ist ein Bundespräsident ein erfahrener Redner, der sein Manuskript kennt und deshalb auch frei damit agiert. Er blickt nach rechts und links, nimmt Augenkontakt auf. Er setzt eine etwas verhaltene Gestik und Mimik ein, die aber zum Redner passt. Er zitiert das Kirchentagsmotto: „Was für ein Vertrauen“. Dieses Zitat aus dem zweiten Buch der Könige wird nun sein roter Faden, der durch die Rede führt. Er beschreibt verschiedene Szenen, was Vertrauen in einer Gesellschaft bewirkt und wie dieses Vertrauen ein konstitutionelles Element in einer liberalen Demokratie ist. Er arbeitet mit rhetorischen Fragen, schildert persönliche Erlebnisse und Erfahrungen. Er verwendet Anekdoten, Alliteration und Klimax, er zitiert einen chinesischen Roboterexperten. Er schildert eine digitale Moderne, vor der sich viele fürchten, verbreitet aber keine Angst, sondern ordnet Beobachtungen ein und bereitet so seine Botschaft vor: Die Antwort auf digitale Technologien ist nicht Resignation, sondern der Mut zur Demokratisierung des Digitalen.

Glaubwürdigkeit durch Erlebnisse und Erkenntnisse

Nach kaum 15 Minuten entwirft er eine Zukunftsvorstellung, wie eine Weltgesellschaft die Spielregeln des Digitalen neu definieren kann. Er bedient sich weiterhin einer einfachen Sprache, nutzt Metaphern aus dem Sport und zeigt am Beispiel des erst kürzlich vollzogenen Steinkohleausstiegs, dass Gesellschaft Zukunft gestalten kann. Er berichtet, wie sehr er von den Kumpeln berührt wurde, die ihm am 21. Dezember 2018 ein Stück Steinkohle schenkten, das die letzte Schicht auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop gefördert hatte. Die Gedenkfeier anlässlich der Zechenschließung stand unter dem Leitmotiv „Glück auf – Zukunft“ und die Kumpel sagten zum Bundespräsidenten: „Wir haben Berge versetzt, warum sollte uns das nicht auch in der Zukunft gelingen“. Es sind solche dichten, authentischen und emotionalen Passagen, die die Rede und die zuversichtlichen Worte zur Gestaltung der Moderne glaubwürdig machen.

Ethik der digitalen Moderne

Die letzten zehn Minuten nutzt der Bundespräsident dafür, eine Ethik der Digitalisierung zu skizzieren, die letztlich keiner neuen Dogmen, Philosophien geschweige denn Ideologien bedürfe. Er fordert eine Übersetzung der Werte und der Überzeugungen, die unseren Staat nach den barbarischen Verbrechen der Nazis wieder stark gemacht hätten: Freiheit und Verantwortung für sich selbst und andere, die Überwindung der Armut, Aufklärung und Bildung sowie die Bewahrung der Schöpfung. Am Ende appelliert er an seine Zuhörer, ohne Pathos, sondern mit fast schon lutherscher Alternativlosigkeit: „Vertrauen und Glauben gehören zusammen. Weil wir von Gottes Liebe getragen sind, glauben wir an eine gute Zukunft. […] Vertrauen wir also in unsere Fähigkeit, Zukunft zu entwerfen!“.

Mein Fazit

Der Bundespräsident hat keine Macht. Er hat nur das Wort, die Rede. Und die ist ein scharfes Schwert und ein Kompass in der Hand des eher zurückhaltenden Menschen Frank-Walter Steinmeier. Eine große Rede.

Hier geht es zur Textfassung und dem Videomitschnitt des Bundespräsidialamtes.

 

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

Sehr präzise beobachtet und beschrieben. Es wird deutlich, wie wichtig die Rede für die Demokratie sein kann.

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