Der Anfang des Gedenkens: Helmut Schmidts Rede am 9. November 1978 in der Kölner Synagoge 

Wie entstand die erste Rede eines Bundeskanzlers zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938? VRdS-Ehrenpräsident Dr. Thilo von Trotha und VRdS-Präsidentin Jacqueline Schäfer werfen einen Blick in die Redenschreibstube von Helmut Schmidt. © VRdS

Der Redner verhaspelt sich. Gleich im ersten Satz. Ein Zeichen des Drucks, der auf ihm lastet? Möglich, meint Dr. Thilo von Trotha, Gründer und Ehrenpräsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS). Denn der Redner gilt als brillanter Rhetoriker, als einer, der Sätze treffsicher abschießt wie Pfeile. Versprecher passieren ihm selten. Wenn einer wie er Druck verspürt, ist es etwas Besonderes. So besonders, wie alles an diesem Tag: Der Anlass, der Ort, das Auditorium. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt spricht am 9. November 1978 in der Kölner Synagoge. Vor Juden, die nach der Shoa wieder eine Gemeinde gegründet haben. Und vor der ganzen Welt, die aufmerksam hinhört. Denn 40 Jahre lang war der Novemberpogrome von 1938 nicht von staatlicher Seite gedacht worden, war der Alltag über sie hinweggegangen. Mit dem Auftritt des Bundeskanzlers war dieses Schweigen beendet. Schmidts Rede markiert den Beginn bundesrepublikanischer Gedenkkultur. Kritisch beäugt im In- und Ausland. 

Wie besonders dieser Anlass war, zeigte sich auch bei der Vorbereitung. Und der Druck, den der Bundeskanzler verspürte – er lastete auch auf den Schultern seiner Redenschreiber. Thilo von Trotha war einer von ihnen. 38 Jahre jung, zwei Jahre nach den grauenvollen Ereignissen geboren. Wie sollte man über etwas reden, für das es eigentlich keine Worte gibt? „Wir waren alle regelrecht angefasst“, so Thilo von Trotha im VRdS-Podcast, „das war wahnsinnig aufregend. Es ist schwierig, von der heutigen Situation, in der man sich von dieser Zeit ein sehr genaues Bild gemacht hat, zu damals zurückzulenken. Aber wir waren damals – ohne dass die ganze Erinnerungskultur in der Breite schon existent war, wie sie es heute ist – alle sehr stark angefasst von der Idee, hier wird etwas ganz Besonderes von uns als Redenschreiber gefordert“. 

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100 Stunden Arbeit für 36 Minuten Rede

Während 80 Prozent aller Reden für den Bundeskanzler ohne Absprache mit diesem verfasst wurden, erforderten Regierungserklärungen erheblich mehr Aufwand. Bis zu acht Treffen in größerer Runde waren die Regel, so Thilo von Trotha. Bei diesen sei der Bundeskanzler anwesend gewesen, dazu Experten aus den Fachressorts und der Kanzleramtsminister. „Diese Kölner Rede wurde noch gründlicher vorbereitet als es allgemein für Regierungserklärungen üblich war“, so Thilo von Trotha, „da wurden sehr viele Gesprächspartner auch außerhalb des Kanzleramtes eingebunden.“ So habe der Bundeskanzler seinen jungen Redenschreiber zu seinem guten Freund Eric Warburg, einen Bankier aus jüdischer Familie, geschickt, ausgestattet mit einem handschriftlich verfassten Schreiben. Warum dieser Umweg? Warum hat der Bundeskanzler seinen Freund nicht selbst angerufen, um Rat zu holen? Thilo von Trotha kann nur mutmaßen. Er schließt nicht aus, dass Schmidt nicht auch selbst mit seinem Freund geredet hat. Aber es erschien ihm wohl wichtig, dass sein Redenschreiber aus erster Hand die Ratschläge erhält und nicht gefiltert durch die Wiedergabe des Bundeskanzlers selbst. 

Gedenkfeier zum 40. Jahrestag der Novemberpogrome in der großen Synagoge in Köln: (v.l.) Der Generalsekretär des Zentralverbandes der Juden, Alexander Ginsburg, Bundeskanzler Helmut Schmidt, der Vorsitzende des Zentralverbandes der Juden, Werner Nachmann und Bundespräsident Walter Scheel. Schmidt trug wegen einer Bindehautentzündung des Auges an diesem Tag eine getönte Brille. Foto: picture-alliance/Bertram

 

Zehnmal hatte man sich zur Vorbereitung dieser Rede getroffen, mindestens genauso oft wurde sie überarbeitet. Bei den Beratungen, denen auch Schmidts Vertrauter Klaus Bölling beiwohnte, wurde auch philosophiert und debattiert: „Wir haben über Antigone geredet“, erzählt Thilo von Trotha. War es richtig, dass diese sich dem Befehl von König Kreon widersetzte und den Bruder beerdigte, wie es der Wunsch der olympischen Götter war? Gespräche wie diese belegen einerseits, mit welchem intellektuellen Anspruch Schmidt seine Reden vorbereitete, andererseits, welchen Wert die Rede in der Synagoge für ihn hatte. Rund 100 Stunden, so schätzt Thilo von Trotha, sind in diese 36-minütige Rede eingeflossen.

Schmidt und Israel – eine ambivalente Beziehung

Anders als seine Vorgänger Adenauer und auch Brandt tat sich Helmut Schmidt schwer mit seinem israelischen Amtskollegen Menachem Begin, der 1977 Ministerpräsident wurde. Er war ein entschiedener Gegner des Wiedergutmachungsabkommens zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland und hatte Schmidt dessen Wehrmachtsvergangenheit vorgeworfen. Das Verhältnis war angespannt. Gleichzeitig sah Schmidt, nicht zuletzt durch die Folgen der 1968er-Bewegung die Notwendigkeit, ein innenpolitisches Zeichen zu setzen, was ausschlaggebend gewesen sein könnte, die Rede zum 40. Gedenken der Novemberpogrome zu halten. Thilo von Trotha: „Direkt nach dem Krieg hat man gesagt Schwamm drüber, es ist vorbei und ich habe damit nichts zu tun. Aber dieses Gefühl schmolz im Feuer der Jugendbewegung der 68er dahin. Und es war einfach an der Zeit, dass man sich diesen Sachen zuwandte, auch von Seiten der Bundesregierung.“ Ein Jahr nach der Rede kam die TV-Serie Holocaust auf den Markt. Es gab heftige Diskussionen über deren Ausstrahlung in Deutschland. Helmut Schmidt trat sehr dafür ein, dass sie viele Menschen, vor allem junge, erreichte. Im Sinne seiner Rede in Köln, in der er einen Gedanken weiter ausgeführt hat, den er ein Jahr zuvor schon in einer Rede in Auschwitz formuliert hatte: Die jungen Deutschen seien nicht schuld, aber trügen Verantwortung. Und sie könnten wieder schuldig werden. Gerade der letzte Satz ist heute bedeutsamer denn je.

Intellektuell, aber persönlich distanziert

Betrachtet man Schmidts Rede von 1978 mit dem Wissen von heute und dem Anspruch, den wir heute an Reden – speziell an Gedenkreden – stellen, dann fällt auf, das Helmut Schmidt sehr distanziert bleibt. Er sagt, die meisten Deutschen hätten von jenen Ereignissen am 9. November nichts gewusst, es aber mitbekommen können. Würde er das heute noch so sagen? Zudem fehlt völlig eine Schilderung, was er selbst in jener Nacht erlebt hat. Warum schweigt Schmidt? „Er hasste es, zu persönlich zu werden“, erklärt sein damaliger Redenschreiber. Storytelling, wie wir es heute kennen, hatte durchaus Wirkung auf ihn, wenn andere es nutzten. Aber für sich lehnte er es ab. War das auch der Grund, warum er nicht von seinem jüdischen Großvater sprach, den er nie kennengelernt hatte? Erst zwei Jahre nach dieser Rede erzählte er dem befreundeten Staatspräsidenten Frankreichs, Valery Giscard d’Estaing, davon. Thilo von Trotha glaubt, dass Schmidt sein „heißes Herz“ nach außen kühl gehalten hat, um es zu kontrollieren. Vielleicht auch, um es zu schützen?

Die Zukunft des Gedenkens

Helmut Schmidt hat mit seiner Rede in der Synagoge 1978 den Beginn der bundesrepublikanischen Gedenkkultur markiert. Ohne seine Rede wäre auch die Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985 wahrscheinlich so nicht denkbar gewesen. Eine Rede, die Helmut Schmidt sehr gelobt hatte – bis auf eine Passage, worin der damalige Bundespräsident sagt: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.“ Die Kontroverse darüber ist dokumentiert und interessant. 

Heute stellt sich die Frage, wie wir das Gedenken an die Shoa künftig gestalten sollen. In Zeiten, in denen gewählte Politiker jene unheilvollen Jahre als „Vogelschiss“ abtun wollen. In denen Antisemitismus in vielen Gewändern daherkommt. Was bedeutet das mantraartig wiederholte „nie wieder“, wenn vor den jüdischen Einrichtungen immer noch Polizeischutz erforderlich ist und Juden empfohlen wird, bestimmte Regionen zu meiden? Wenn wir an den Gedenktagen „nie wieder“ sagen, dann dürfen wir im Alltag Antisemitismus nicht zulassen. Dann heißt es aufzustehen. Einzuschreiten.

Wenn wir das Gedenken ernst meinen, dann müssen wir für die lebenden Juden eintreten. Sie spüren lassen, dass sie selbstverständlich nach Deutschland gehören. Und sie nicht sofort mit Kritik an Israels Politik zu konfrontieren. Für deutsche Juden ist die deutsche Politik zuständig.

Die Deutschen können gut mit den toten Juden umgehen, nicht mit den Lebenden. Dieser Vorwurf ist nicht unberechtigt. Es ist an uns, diesen Eindruck zu entkräften. Indem wir alle im Alltag danach handeln, was unsere Repräsentanten an Gedenktagen reden.

Der Text der Gedenkrede zum Download
Der vollständige Redetext wurde im Bulletin der Bundesregierung veröffentlicht; das Dokument enthält eigenhändige Notizen des Redners (in grüner Schrift)© Helmut-Schmidt-Archiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gedenkrede in der ARD-Audiothek

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