Bewegte Zeiten – bewegende Reden?

Autor: Christian Gasche
Ralph Brinkhaus am 19.10.16 in Berlin im Deutschen Bundestag. / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Nur ein leichtes Zittern ihrer Hände beim Wenden der Seiten ihres Redemanuskriptes verraten: Die Kanzlerin ist bei Ihrer Regierungserklärung zur Lage der Corona Pandemie innerlich bewegt. Das aber würde sie nie zeigen. Sachlich trägt sie ihre Rede vor. Nüchtern beschreibt sie die Situation. Die Physikerin rechnet vor. Sie warnt. Sie appelliert an die Vernunft der Bürger. Gleichwohl ist die Rede Angela Merkels am 29. Oktober 2020 für ihre Verhältnisse geradezu emotional. Mit einem Zitat erklärt sie, wie „das Virus denkt“. Ihre Rede wird von Anfang an durch unflätige Zwischenrufe von rechts unterbrochen. Nein, eine Sternstunde des Parlamentes ist die Debatte bis dahin nicht. Der Bundestagspräsident droht Ordnungsrufe an. Danach folgen abwechselnd Reden der Oppositions- und Regierungsparteien. Der Fraktionsvorsitzende der rechtssitzenden Parlamentarier bemüht Kriegsrhetorik. Er nutzt schiefe – gleichwohl plastische – Vergleiche aus dem Straßenverkehr. Er wirkt müde. Etwas Bewegung kommt mit dem nächsten Redner auf, dem Fraktionsvorsitzenden der SPD. Rolf Mützenich hält sich an sein Manuskript, dessen erste Hälfte wohl ein Verwaltungsbeamter für ihn schrieb. Hier folgt eine erste Reklamation, dass der Bundestag bei der weiteren politischen Gestaltung des Pandemiegeschehens mitreden wolle. Erst gegen Ende wird der Redner, immer noch an seinem Text klebend, emotional. Er zitiert aus einer ARD-Dokumentation über das Sterben in Corona-Zeiten „Ich weiß nicht mal, wie er starb“.

Larmoyant bis brillant spricht die Freiheit

Dann nimmt die Debatte Fahrt auf. Fast im Stakkato, in kurzen Sätzen, um Headlines bemüht spricht Christian Lindner, den wir im VRdS als den besten Redner im Bundestagswahlkampf 2017 auszeichneten. Der Liberale hält die Rede eines Freiheitlichen. Er setzt sich für die kleinen Leute, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Gastronomie und Hotellerie, Kulturschaffende und Soloselbständige ein, die nun die Lasten des Lockdowns tragen würden. Seine Argumente sind nachvollziehbar. Allerdings wirkt er auch ein wenig larmoyant. So mokiert er sich darüber, dass die Beschlüsse von gestern eigentlich heute hier im Parlament hätten diskutiert und gefasst werden müssen. Er unterstellt, dass die Exekutive anmaßend und ohne rechtliche Grundlage bürgerliche Freiheitsrechte beschneiden würde. Dabei erwähnt er nicht, dass der Bundestag seit März mehrfach über die Pandemie diskutiert und der Bundesregierung mit den Haushaltsbeschlüssen und den Ermächtigungen im Infektionsschutzgesetz genau diese Handlungsrechte per Mehrheitsbeschluss einräumte. Es wäre ehrlicher gewesen, hätte der Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion darauf hingewiesen, dass er mit seinen Anträgen eben keine Mehrheit im Haus gefunden hatte.

Die freie Rede überzeugt fachlich, emotional, sprachlich – doch noch eine Sternstunde

Dann betritt ein Redner das Pult, von dem ich persönlich eine Bürokratenrede erwartet hatte. Der Steuerberater aber kommt sofort auf eine Betriebstemperatur, die ich bei Rednern im Bundestag oft schmerzlich vermisse. Ralph Brinkhaus, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, beschimpft seinen Vorredner für die Aussage, die Bundesregierung wäre mit ihren gestrigen Beschlüssen, in ihrem Bemühen, die Pandemie zu begrenzen, in Aktionismus verfallen. „Ihre Vorgänger hätte sich dafür geschämt, Herr Lindner, hätten sich dafür geschämt.“ Die Anapher erzielt ihre Wirkung und erntet den Applaus von zwei Dritteln der Kolleginnen und Kollegen. In seinem westfälischen Idiom fährt der seit drei Wahlperioden immer direktgewählte Abgeordnete fort. Er hat als einziger Redner heute kein Manuskript. Er spricht frei. Er spricht mit einer emotionalen Vehemenz bei gleichzeitig druckreifen Formulierungen, dass es für Rhetoriker eine wahre Freude ist. Es ist berührend, wie Ralph Brinkhaus die Anstrengungen der Bürger, Unternehmer, der Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer und der Familien würdigt und ihnen für ihren Einsatz dankt. Die Stimme bebt, als er von einer alten Dame berichtet, die eigentlich keine Zeit zu verlieren hat, ihre Enkel noch einmal zu sehen und sich trotzdem an die Kontaktbeschränkungen hält. Und trotz seiner sichtlichen Bewegung gendert er in dieser Redepassage konsequent alle Personengruppen. Ein rhetorischer Höhepunkt folgt dem nächsten in seiner zwölfminütigen Rede. Rhetorische Stilmittel setzt er gekonnt ein. Metaphern, rhetorische Fragen, Aufzählungen. Er schlägt mit der Hand, er hämmert mit den Zeigefingern aufs Pult, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Freiheit ist auch die Freiheit der Schwachen, der Anderen. Ich treffe nie Entscheidungen nur für mich, sondern auch für die Schwachen.“ Ja, mit dieser Rede von Ralph Brinkhaus war diese Debatte eine Sternstunde im Deutschen Bundestag. Es waren bewegende Worte in einer bewegten Zeit.

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