Bewegendes Gedenken – trotz eines ritualisierten Protokolls

Dr. hc. Inge Auerbacher bei ihrer Rede zum Holocaust-Gedenktag. Foto: Tobias Koch / Deutscher Bundestag

Alle Verfassungsorgane sind an diesem trüben Wintermorgen in den Reichstag gekommen. Es ist der 27. Januar 2022. 80 Jahre und sieben Tage nach der Wannseekonferenz gedenkt der Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus und des industriellen Massenmords an den europäischen Juden. Den Rahmen dieser würdigen Veranstaltung hatte wenige Tage zuvor das ZDF gesetzt: In dem Spielfilm „Wannseekonferenz“ werden die Protokolle in aller „Banalität des Bösen“ „nachgespielt“. In dem Dokumentarfilm „Ganz normale Männer“ berichten Forschende über die Funktionen und Aufgaben der Polizeifreiwilligenregimenter im Holocaust. Es ist die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, die als Hausherrin mit gut gewählten Worten und neuen Akzenten diesen aktuellen Kontext aufgreifend begrüßt. Die anschließenden Reden von Dr. h.c. Inge Auerbach, Überlebende des Konzentrationslagers in Theresienstadt, und Mickey Levy, Präsident des israelischen Parlamentes, waren erschütternde Zeugnisse. Und sie enthielten Mahnungen an die Deutschen, die Erinnerung zu bewahren und das Versprechen einzulösen, die Geschichte über die Generationen hinweg weiterzutragen: Nie wieder. Nie wieder, wie Levy am Ende seiner Rede seine Mahnung mit einem längeren Zitat aus dem Kaddisch berührend verband.

Die Bundestagspräsidentin Bärbel Bars stellt ihre Eröffnungsrede in den Kontext der Rede von Bundespräsident Walter Steinmeier. Dieser hatte den ZDF-Spielfilm am 18. Januar mit einer bewegenden Rede eingeleitet, die meine Kollegin Jacqueline Schäfer in ihrem Beitrag bespricht. Bärbel Bas knüpft hier an und erinnert an den Staat, in dem Unrecht zu Recht wurde. Und sie erwähnt, dass dieser Unrechtsstaat von Menschen gemacht wurde. So ordnet sie auch den 27. Januar als einen Tag der Scham ein und erinnert daran, dass viele Täter – auch die der Wannseekonferenz, unbestraft blieben. Sie wendet sich in einer kurzen Begrüßung an Inge Auerbacher, die erst sieben Jahre alt war, als ihre Kindheit endete. Sie bedankt sich, dass die heute 87-jährige den weiten Weg aus New York auf sich genommen hat, um heute über ihre Kindheitserinnerungen zu sprechen. Sodann wendet sich Bärbel Bas der Gegenwart zu. Sie lobt die vielen privaten Initiativen, die eine lokale Erinnerungskultur pflegen. Eine Gedenkkultur bleibe nur lebendig, wenn immer wieder gefragt wird nach dem, was damals geschah, aber auch heute geschieht. So berichtet Bärbel Bas über die internationale Kampagne #WeRemember, einer europäischen Bewegung gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, der sich der Bundestag angeschlossen hat.

Dann begrüßt sie Mickey Levy, den Präsidenten der Knesset, des israelischen Parlaments. Was sie bekräftigt ist, dass Antisemitismus nicht hinnehmbar ist. Egal wie er sich äußert, egal wie er daherkommt. „Wir erinnern uns, um jeder Gefahr der Wiederholung zu begegnen.“ Selbstverständlich erwähnt sie an dieser Stelle die NSU-Morde, erinnert an den Anschlag auf die Synagoge in Halle und die Ermordung von neun Hanauer Bürgern mit einem vermeintlichen Migrationshintergrund. Das Wissen um die Geschichte, fährt Bärbel Bas fort, hat nicht verhindert, dass ein Drittel der Deutschen heute wieder jüdische Ressentiments hat. Antisemiten und Antisemitismus sei mitten unter uns, sagt Bärbel Bas und erhält Applaus. Danach folgt eine Aussage, die so in solchen Gedenkstunden noch nicht gefallen ist: „Wer gegen Muslime hetzt, macht sich als Freund der Juden unglaubwürdig.“ Damit setzt die Bundestagspräsidentin einen neuen Akzent, in dem das „Nie wieder“ in seiner praktischen Anwendung heute zu einer Warnung an alle im hohen Haus wird, die programmatisch gegen Menschen mit muslimischem Glauben hetzten. Es folgt Musik und dann Inge Auerbacher.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas. Foto: Tobias Koch / Deutscher Bundestag

Eine Kindheit, die mit sieben Jahren endete

Dr. h.c. Inge Auerbacher ist eine bemerkenswerte Frau. Mit ihren 87 Jahren wirkt sie noch sehr vital. Was sie nun aber zu berichten hat, ist die traurige Geschichte eines Mädels aus dem Schwarzwald, dem ab 1941 die Kindheit geraubt wurde. Sie schildert – das Idiom der alten Heimat blitzt noch durch – , wie im badischen Kippenheim ein ganz normales deutsches Familienleben von den Nazis ruiniert wurde. Der Vater war Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, wurde verwundet, erhielt das Eiserne Kreuz. Er war Textilhändler. Der Familie ging es gut. Die Mutter stammte aus einer schwäbischen Familie mit 14 Kindern, von denen vier Söhne im Ersten Weltkrieg kämpften und zwei davon gefallen waren. Sie schildert ihre Erinnerung als Vierjährige, 1938, an die Pogromnacht. Am 10. November 1938 warfen die zu Nazis gewandelten Nachbarn Steine durch das Schaufenster. Sie wäre fast getroffen worden und verstand nichts. Die Synagoge in Kippenheim wurde nicht abgebrannt, weil der Brand auch die umstehenden Häuser der Christen verzehrt hätte. In der Folge wurden alle Männer über 16 Jahren in ein Konzentrationslager verbracht. Opa und Vater kamen nach Dachau, kehrten nach 16 Tagen zurück und berichteten von Folter und Ermordungen. Die Familie verkaufte ihr Haus in Kippenheim und zog zu den Großeltern – aber auch nur für eine kurze Zeit. Immer mehr Gesetze gegen Juden machten der Familie das Leben schwer. Gleichwohl berichtet Inge Auerbacher, dass sie mit den christlichen Kindern gespielt hat und auch die Bauern sie weiter versorgt haben. Mit sechs Jahren kam sie in die Schule, aber nicht in ihrem Wohnort; diese Schule war arischen Kindern vorbehalten. Die sechsjährige Inge musste auf die jüdische Schule nach Stuttgart; eine Stunde mit dem Zug und drei Kilometer laufen jeden Tag. Die Eltern mussten Zwangsarbeit verrichten. Ende 1941 werden aus der Region die ersten Deportationen durchgeführt. Die Kinder ihrer jüdischen Schule wurden nach Riga deportiert. Damit endete die erste Klasse und ihre Kindheit.

Hunger und Horror in Theresienstadt

Im August 1942 wurden Eltern und Inge nach Theresienstadt verbracht. Sie schildert die Zustände in dem Konzentrationslager. Wie sie sich mit ihren Eltern eine Schlafpritsche mit Strohmatratze teilen muss. Wie sich der ganze Tag, das ganze Leben um Essen drehte, um ein Stückchen Brot, Kartoffeln oder Suppe zu bekommen. Einige Lagerinsassen brachten den Kindern Lesen und Schreiben bei. Immer wieder brachen Epidemien wie Typhus aus, wegen der unhygienischen und unwürdigen engen Zustände. Ihre Eltern und sie hatten Glück. Am 8. Mai 1945 wurden sie von der Roten Armee befreit. Von 140.000 Personen, die aus Stuttgart oder aus dem Raum Baden-Württemberg kamen, sind 33.500 in Theresienstadt gestorben. 88.200 wurden nach Auschwitz verbracht und sind dort ermordet worden. Von 15.000 Kindern aus ihrer Region haben nur wenige wie sie überlebt. Als die Sovjets das Lager am 8. Mai 1945 befreit hatten, lebten dort noch 16.800 Menschen. Eine war Inge. Sie schildert danach aber auch, wie sehr ihr weiteres Leben vom Trauma in Theresienstadt geprägt wurde. 1946 kann die Familie nach New York emigrieren. Vater und Mutter finden Arbeit als Hausbedienstete. Sie selber erkrankt an Tuberkulose. Weitere vier Jahre verbringt sie im Krankenbett. Anschließend summiert sie in ihrer Rede vor den schweigenden Bundestagsabgeordneten, den Vertretern der Verfassungsorgane und den Gästen ihre Kindheit: 20 Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet. Acht Jahre hatte sie keinen Schulunterricht. Vier Jahre war sie dem Stigma des Davidsterns und dem Leiden im Konzentrationslager ausgesetzt. Gegen Ende nimmt Inge Auerbacher ein erschütterndes Fazit vor. ‚Diese Stigmata haben mein Leben geprägt, so blieb ich unverheiratet und kinderlos. Aber die Kinder der Welt sind meine, in meinem Herzen.‘ Sie endet mit einem Appell. Wir sind als Schwestern und Brüdern geboren. Ein inständiger Wunsch und Traum von ihr ist die Versöhnung der Menschheit. Die Vergangenheit dürfe nie vergessen werden. Es folgen fast fünf Minuten Applaus. Der Bundestag erhebt sich, Mickey Levy geht auf sie zu, er weint und führt sie zu ihrem Stuhl. Es folgt wieder Musik.

Der Knesset-Präsident betet das Kaddisch

Der Knesset-Präsident bedankt sich für die Einladung und gesteht, dass er bewegt und in Demut heute hier stehe; aber auch Stolz empfinde, dass er den einzigen jüdischen Staat hier vertrete. Er erinnert an die bewegte Geschichte des Reichstagsgebäudes und wie sehr diese doch daran gemahnt, wie zerbrechlich eine Demokratie ist. Er skizziert die Herausforderung, wie man heute einer jüngeren Generation den Holocaust vermitteln könne. Die horrende Zahl der sechs Millionen ermordeten Juden sei abstrakt und unbegreifbar. Die Zahlen und Statistiken schafften eine Distanz, die sich an den Opfern versündige. Es sind sechs Millionen Geschichten von Menschen, die ihre Leben nicht leben durften. Er dankt an dieser Stelle Inge Auerbacher für ihre hier vorgetragenen Erinnerungen, die sie auch in einem Kinderbuch mit dem Titel „Ich bin ein Stern“ dokumentiert hat. „Mit ihren Erinnerungen haben Sie denen eine Stimme gegeben. Danke, dass Sie das Unfassbare mit uns teilen, um es für kommende Generationen zu erhalten.“

Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz. Foto: Klaus Josef Sturm / ZDF

 

Mickey Levy berichtet über seine Gefühle, bei einem Besuch der Villa am Wannsee einen Tag zuvor. Man merkt ihm an, wie ihm das Blut in den Adern gefror bei dem Gedanken an den unfassbaren Hass, der hier „vor 80 Jahren und sieben Tagen“ zu der Planung des industriellen Ermordens führte. Anschließend lobt er die Gedenkarbeit, die die Deutschen und Israel verbinde. „In diesen 80 Jahren und sieben Tagen ist es uns – unseren beiden Nationen – gelungen, uns aus dem historischen nationalen Trauma zu erheben und mit Mut und Entschlossenheit etwas Neues zu schaffen.“ Er setzt seine Kippa auf und zitiert aus Moses 5, Kapitel 30, Vers 19: „Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst.“

Deutschland und Israel hätten eine Brücke gebaut, die die Kraft und Bedeutung von Demokratie auf gleiche Weise sehen, wie auch die Unerlässlichkeit, gemeinsam an ihrer Bewahrung zu arbeiten. Deutschland habe die Verantwortung für die Sicherheit Israels zu einem der Grundpfeiler der deutschen Außenpolitik gemacht. Deutschland stelle sich fest gegen Antisemitismus, lobt der Redner und ergänzt, dass Deutschland Mut beweise – Mal für Mal wieder – in bilateralen wie internationalen Foren – seine moralische und historische Verpflichtung für die Existenz und Sicherheit des Staates Israel. Anschließend lobt er Angela Merkel: „Sie hat Deutschlands Stärke gefestigt und sich unermüdlich für die Beziehungen zwischen unseren Ländern eingesetzt.“ Anschließend wendet er sich an Olaf Scholz mit dem Wunsch, der Staat Israel verlasse sich auf ihn und seine neue Regierung und wisse, dass sie diese langjährige Tradition fortsetzen werden.

Knesset-Präsident Mickey Levy betete unter Tränen das Kaddisch. Foto: Tobias Koch / Deutscher Bundestag

Zum Schluss eine innige Umarmung

Anschließend wendet sich der Knesset-Präsident der Zukunft zu. Neben der Erinnerungsarbeit, deren Weiterbestehen wir alle zum Wohl der menschlichen Ewigkeit zu garantieren hätten, müssten wir auch eine Vision für künftige Generationen schaffen. Wir alle müssen die Hoffnung haben, gemeinsam eine Zukunft zu planen. Eine Zukunft, die auf den Werten der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz basiert. Werte, die Israel und Deutschland teilen. „Wir müssen unsere jungen Menschen zusammenbringen“, appelliert Mickey Levy, „die Generation der Enkel und Urenkel, die dritte und vierte Generation und die Generationen, die nach ihnen kommen werden.“ In unseren jungen Frauen und Männern sollten wir das Gute stärken, sie vor dem Hass gegenüber dem Anderen warnen, nur weil er oder sie anders ist. Die ewige schlimme Warnung des Holocaust der europäischen Juden lautet: Nie wieder! Er wiederholt, sichtlich aufgewühlt um die Sorge: Nie wieder. Und dann folgt ein bewegender Abschluss, als Mickey Levy aus dem Kaddisch zitiert. Er hält ein Gebetbuch hoch und berichtet mit brechender Stimme, es habe einem jüdischen Jungen gehört, der am 22. Oktober 1938 seine Bar-Mizwa hatte, „kurz bevor das Leben, das er hätte leben sollen, an der in Deutschland herrschenden Realität zerbarst“, sagt Levy. Er weint, seine letzten Worte aus dem Kaddisch, einem Lobgesang auf Gott und darin gedanklich nah an dem Vaterunser der Christen, gehen dem sichtlich bewegten Redner nur noch schwer von den Lippen. Bärbel Bas geht vorsichtig auf ihn zu. Sie will ihn trösten, legt ihre Hand auf seine Schulter, er kann aber nur einen angedeuteten Gruß mit der Corona-bedingt eingesetzten Faust erwidern. Er geht auf Inge Auerbacher zu und umarmt sie.

Mickey Levy und Inge Auerbacher. Foto: Tobias Koch / Deutscher Bundestag

 

Es war eine bewegende Gedenkstunde, auch wenn sie vom Protokoll standardisiert, zunächst wie ein eingeübtes Ritual wirkte. Aber durch die großartigen Reden aller drei Redner*innen war es ein wichtiges Ereignis aufrichtiger Erinnerung.

 

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