Aufruf zum kollektiven Selbstmord

Die Festung Masada; im Vordergrund die von den Römern aufgeschüttete Rampe. © Itamar Grinberg/Israeli Ministry of Tourism

Mehrere hunderttausend Touristen – Israelis und Gäste aus aller Welt – besuchen jährlich die UNESCO-Weltkulturerbestätte Masada. Faszinierend sind der weite Blick von dem markanten Tafelberg zum Toten Meer sowie die Überreste der Herodes-Burg und anderer Besiedlungen. Doch vor allem berührt die Vorstellung von Masada als letzte Zuflucht jüdischer Aufständischer vor den übermächtigen Römern und ihrem tragischen Ende. Dies ist als „kollektiver Selbstmord“ von 967 Menschen im Jahr 73 nach Christus in die Geschichte eingegangen.

Wie so oft an bedeutenden Ereignissen, ist es die Magie der Worte, die die Zuhörer so beeindruckt haben muss, dass eine Entscheidung herbeiführt wird – die Entscheidung zum gemeinsamen Sterben kurz bevor die Römer die Festung erobern. Gemeint sind zwei Ansprachen von Eleasar ben Ja’ir, dem Anführer der jüdischen Rebellen, an seine Männer. 

Nur ein Autor berichtet

Davon berichtet der durchaus umstrittene, antike, jüdische Historiker Flavius Josephus in dem 7. Buch seines „Bello Judaico“. Augenzeugen der Ereignisse sind einige Frauen und Kinder, die in einer Zisterne versteckt, das Töten überlebten. Niedergeschrieben hat Flavius Josephus seinen Bericht zehn Jahre später. Er ist auch der einzige antike Autor, von dem Texte erhalten sind, die die Geschehnisse erwähnen. 

Nach der Besiedelung des Berges im 5. und 6. nachchristlichen Jahrhundert durch christlich-byzantinische Mönche verödete Masada im Mittelalter und die Anlage geriet in Vergessenheit. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Reisende nach dem mystischen Ort zu suchen. Ab den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde mit archäologischen Ausgrabungen auf dem geschichtsträchtigen Tafelberg begonnen.  

Es gibt also den Ort, einen Bericht über die Ereignisse und die Aufzeichnung über die bedeutungsvolle Rede. Allerdings sei es Eleasar ben Ja’ir erst mit seiner zweiten Ansprache gelungen, die Aufständischen vom gemeinsamen Tod zu überzeugen. Die Authentizität dieser Rede mag dahingestellt sein, auch welche rhetorische Form ihr Flavius Josephus gab. 

Lebensbedrohliches Szenario

Man mag sich die Situation vor Augen halten: Die Lage der Aufständischen in der Festung Masada ist aussichtslos. 9.000 römische Legionäre und Hilfstruppen belagerten die Festung, die als uneinnehmbar galt. Über eine riesige Rampe hatten die Römer einen Rammbock zu den Festungsmauern hinaufgebracht. Schwere Schläge erschütterten bereits das massive Mauerwerk, die Erstürmung der Festung steht kurz bevor. 

Vor diesem Szenario spricht Eleasar ben Ja’ir erneut zu seinen Männern. Er bedient sich dabei prägender Elemente, die bis heute ihre Wirkung nicht verloren haben. Seine Argumente wirken durch ihre Wiederholung und Vertiefung, ihre Symbolik und Dramaturgie.  

  • Die Berufung auf Gott als höchste Instanz, der die Aufständischen leite und dem sie mit ihrem Tun dienten.
  • Eine Beschreibung der gegenwärtigen Situation sowie die Chance zur Wahl, durch den selbstgewählten Tod den zu erwartenden Grausamkeiten zu entgehen.
  • Der Ausblick, mit dem Niederbrennen der Gebäude, Schätze und dem freiwilligen Tod die Römer um Eroberung und Beute zu bringen. 
  • Der Symbolgehalt über den Tod hinaus, in dem man die Nahrungsmittel zurücklässt und damit zeigt, dass man nicht verhungert sei, sondern den Tod wählt, um sich der römischen Knechtschaft zu entziehen. 

Es gelang Eleasar ben Ja’ir seine Anhänger davon zu überzeugen, erst ihre Frauen und Kinder und dann sich gegenseitig zu töten. Der letzte übrig gebliebene Mann soll Feuer gelegt und schließlich Selbstmord begangen haben.

Mythos – früher und heute

Der selbstgewählte Tod der jüdischen Aufständischen in Masada entwickelte sich zum Mythos – vor allem nach dem furchtbaren Holocaust in Europa und der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. „Masada wird nicht wieder fallen“ wurde zum Motto des jungen Staates. Heute werden die Ereignisse um Masada differenzierter betrachtet. Der „kollektive Selbstmord“ ist ein Symbol dafür , dass die Fähigkeit sich selbst verteidigen zu können, für Israel und seine Bewohner von existentieller Bedeutung ist. 

Über die Ereignisse von Masada hat sich der Mantel der Geschichte gelegt. Auch wenn immer wieder Zweifel an den Vorgängen angemeldet werden, die Rede, die Eleasar ben Ja’ir zugeschrieben und von Flavius Josephus aufgeschrieben wurde, ist eine der ältesten Reden, die in jüdischem Kontext überliefert ist. Sie beschäftigt die Menschen auch noch nach 2000 Jahren. 

Das Motto “Masada Shall Not Fall Again” auf einer israelischen Briefmarkenserie. © State of Israel

 

 

 

Zur Übersicht

3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Petra Erdmann
    15. Juni 2021 13:57

    Dankeschön für diesen Beitrag. Masada besuchte ich 2011 und man konnte dort einen Film zur Legende ansehen. Ich war tief, tief beeindruckt von der Anlage und von dem, was sich dort abgespielt haben soll. Herzlich, Petra Erdmann

  • Thilo v. Trotha
    17. Juni 2021 17:03

    Es ist gut, an diese Rede erinnert zu werden. Schon ihre Auswahl zeigt eine geschickte Hand. Die Besprechung ist angemessen und in guter Sprache

  • Jacqueline Schäfer
    23. Juni 2021 11:51

    Ein ausgezeichneter Beitrag, liebe Frau Hilbich. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Menü